Von Gerhard Spörl

Für viele Generationen war die Antarktis ein lebensfeindlicher Kontinent, der hinwegraffte, wer immer den Fuß auf seine Eismassen zu setzen wagte. Die Wagemutigen verschwanden in Gletscherspalten, seine ren jämmerlich oder starben – wie der Brite Robert Scott 1912 – einen grauenhaften Tod an Auszehrung und Erschöpfung. Die Brite nation ist dennoch nie gewichen. Heute überziehen 70 Forschungsstationen die unendliche Eis wüste; etwa 3000 Wissenschaftler messen Eis und Wetter, denn nirgendwo kann die Klimageschichte und der Wasserhaushalt der Erde besser studiert werden.

Aber der Drang nach reiner Erkenntnis gehört schon wieder der Vergangenheit an. Seit wenigen Jahren interessieren sich die Forscher auch für Bodenstrukturen und Rohstofflager. Denn der alte Mythos ist inzwischen einem neuen gewichen: Die Antarktis – oder Antarktika, wie die Wissenschaftler sagen –, so glaubt man jetzt zu wissen, ist eine gigantische Schatzkammer, ein Eldorado, unter dessen Eiskappe Öl, Gas, Eisen, Kupfer und Kohle verborgen sind.

Seitdem hat Antarktika eine Zukunft, und diskret, aber unaufhaltsam wird der weiße Kontinent in die Geschichte eingegliedert. Als Ziehvater versteht sich ein exklusiver Klub aus 14 Staaten. Er war im Jahr 1959 zu hehren Zwecken gegründet worden: Antarktika, das steht in der Satzung, solle allen Ländern offen sein für wissenschaftliche Unternehmungen; tabu hingegen für Militärs, für Atomwaffenversuche und als Lagerstätte für radioaktiven Müll. Die Gründungsstaaten faßten in weiser Voraussicht den Beschluß: Aller Streit um Hoheitsansprüche und um die Ausbeutung der Ressourcen müsse bis 1991 verschoben werden. Denn der sechste Kontinent ist völkerrechtlich herrenlos, auch wenn viele Herren Anspruch darauf erheben.

Die vierzehn bilden einen diskreten Klub. Das beweisen sie gerade wieder in Bonn, wo sie sich für zwei Wochen zu einer – so der umständlich-verhüllende Titel – „Zweiten Session der Sonderkonsultativkonferenz über mineralische Ressourcen der Antarktis“ versammelt haben. Ganz gegen jede Konferenz-Usance dringt nur wenig aus dem Wissenschaftszentrum nach draußen. Nur einige wenige Umweltschützer von Greenpeace störten die Enklave, als sie, verkleidet als antarktische Pinguine, vor den heißen Hallen demonstrierten und an die Delegierten appellierten: „Beenden Sie Ihre Geheimniskrämerei! Sie verhandeln über ein Territorium, das Ihnen nicht gehört...“

So sehen das auch die Länder der Dritten Welt. Sie argwöhnen nicht zu Unrecht, Eile und Verschwiegenheit des Antarktika-Klubs ließen Böses ahnen. In der Tat haben sich die vierzehn vorgenommen, in Bonn vollendete Tatsachen zu schaffen, ehe die Zeit verrinnt.

Die vierzehn, das sind sieben Staaten mit eigenen Gebietsansprüchen auf Antarktika, die sich teilweise überlappen: Großbritannien, Norwegen, Frankreich, Neuseeland, Australien, Chile und Argentinien. Dazu kommen die Sowjetunion, Amerika, Japan, Südafrika, Belgien, Polen und die Bundesrepublik. Sie mußten jeweils ihr Entreebillet in den engen Zirkel erwerben: eine winterfeste Forschungsstation – Bonn ließ die „Georgvon-Neumeyer-Station“ als riesige Röhre am Südrand des Weddell-Meeres bauen – und ein eisgehendes Schiff (für die Bundesrepublik ist gerade die Polarstern auf Forschungsfahrt).