Dem Vorstandschef der Arbed-Saarstahl wurde ein neuer Fünfjahresvertrag angeboten

Es kommt nicht gerade häufig vor, daß in einem Großunternehmen, das eben erst zum zweitenmal innerhalb eines Jahres vor dem sicheren Konkurs gerettet werden mußte, dem Vorstandschef ein neuer Fünfjahresvertrag angeboten wird. Dabei hatte der am vergangenen Freitag vom Aufsichtsrat der Arbed-Saarstahl GmbH wiedergewählte Jürgen Krackow (der sich allerdings erst einmal Bedenkzeit ausgebeten hat) sogar selber in aller Form die Vertrauensfrage gestellt und seinen Kontrolleuren damit die Entscheidung für einen anderen Mann an der Spitze nicht gerade schwergemacht.

Der sechzigjährige Oberschlesier kann mit dem beruhigenden Gefühl über eine weitere Amtsperiode nachdenken, daß ihm den Knochenjob kaum ein Manager von Rang neidet. Strahlender Ruhm ist weit und breit nicht zu ernten, gefragt ist vielmehr die Kunst der Amputation und Liquidation; zermürbende Auseinandersetzungen um die Aufgabe von Tausenden von Arbeitsplätzen sind unvermeidbar. Mit einem auf Zeitgewinn angelegten Taktieren würde Krackow nicht weit kommen. Die Geduld der staatlichen Nothelfer in Bonn und Saarbrücken neigt sich ihrem Ende zu. Zum erstenmal verband die Bundesregierung mit ihrem Ende Juni gefaßten Entschluß, gemeinsam mit dem Saarland noch einmal 180 Millionen Mark lockerzumachen, die nachdrückliche Forderung nach Massenentlassungen.

Zumindest Saar-Ministerpräsident Werner Zeyer scheint nicht mehr das Vertrauen zu haben, daß Krackow zu der nötigen Roßkur bereit oder fähig ist. Um die Realisierung der mit den erneuten Subventionen verbundenen Sanierungsauflagen zu kontrollieren, möchte Saarbrücken einen Staatsbeauftragten in die Geschäftsführung der Stahlhütte entsenden. Aber auch einem Staatskommissar wären bei der Stillegung von Betriebsteilen und der Aufgabe von Arbeitsplätzen enge Grenzen gesetzt. Arbed-Saarstahl gilt als eine Hochburg gewerkschaftlicher Montan-Mitbestimmung; mit Rudolf Judith amtiert sogar das für die Stahlindustrie zuständige IG-Metall-Vorstandsmitglied als Stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Durch direkte Verträge mit dem Unternehmen gelang es, bewährte Besitzstände, Arbeitsplätze wie finanzielle Privilegien, auf Dauer festzuschreiben.

Mit dem ehemaligen Krupp-Chef Krackow – er amtierte in Essen nur ganze 66 Tage – kam vor zehn Jahren ein Mann an die Saar, der – anders als etwa zur selben Zeit Rudolf Leiding bei VW – von vornherein mehr auf Ausgleich mit der Arbeitnehmerseite als auf Konfrontation bedacht war. Daß die Judith-Fraktion im Aufsichtsrat trotz der prekären Lage des Konzerns unbeirrt an Krackow festhielt, werten Kritiker des Vorstandschefs denn auch als Beleg für eine zu weiche Haltung gegenüber den Gewerkschaften bei der Durchsetzung des Sanierungskonzepts. Sie kreiden Krackow vor allem an, den von der Geschäftsführung im letzten Herbst selber entwickelten Plan einer rollierenden Kurzarbeit für permanent 5500 Stahlwerker nicht annähernd erfüllt zu haben. Bei voller Realisierung hätte dieses zur Abwendung notwendiger Massenentlassungen gewählte Mittel Lohnkostenersparnisse von monatlich rund neun Millionen Mark ermöglicht.

Verärgert sind die Politiker auch darüber, von Krackow viel zu spät über die sich dramatisch zuspitzende finanzielle Lage des Konzerns unterrichtet worden zu sein. Noch im April hatte Arbed-Saarstahl für dieses Jahr lediglich einen zusätzlichen Zuschußbedarf von elf Millionen Mark gemeldet, den Insider einen Monat später auf maximal 75 Millionen Mark nach oben korrigierten. Im Juni schließlich präsentierten die Stahl-Manager den verblüfften Regierungen im Bonn und Saarbrücken aber ein Finanzloch von 160 Millionen Mark.

Eingeweihte gehen davon aus, daß auch die jüngste Finanzspritze nicht ausreichen wird, um Arbed-Saarstahl über die Runden zu bringen. Mit Zuschüssen, Bürgschaften und Zinsübernahmen in Höhe von zusammen 2,9 Milliarden Mark seit 1978 hat das permanent von Illiquidität bedrohte Unternehmen schon jetzt mehr Staatshilfen verschlungen als jeder andere Konzern – AEG eingeschlossen.

Hans Otto Eglau