Der Graben zwischen Befürwortern und Gegnern der Arbeitszeitverkürzung wird breiter und breiter. Zwar steht das Thema erst bei den Tarifverhandlungen im nächsten Frühjahr auf der Tagesordnung, doch schon jetzt sind die Fronten zwischen den Parteien so verhärtet wie selten zuvor.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hat jetzt die letzte Phase des Vorgeplänkels eingeläutet, bevor es zum Jahresende in die Entscheidungsschlacht geht. Nachdem alle Argumente gegen die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 35 Stunden nichts fruchteten, warf er der IG Metall vor, gegen die Wünsche der eigenen Mitgliedschaft zu handeln. Nur die Funktionäre, enthüllte der Arbeitgeberverband, plädierten nach einer eigenen Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbundes für die 35-Stunden-Woche, die Basis dagegen ziehe ganz offensichtlich den früheren Rentenbeginn vor. Dies allerdings, so Gesamtmetall vorwurfsvoll, hätten die Gewerkschaften wohlweislich verschwiegen.

Nun läßt sich mit den Ergebnissen von Meinungsumfragen gar trefflich jonglieren. Der eine pickt sich diese Antwort heraus, der andere jene, ganz so, wie es ihm ins Konzept paßt. Doch diesmal gibt es wenig Spielraum für Interpretationen. Gesamtmetall hat einfach recht: Den meisten Beschäftigten ist in der Tat, das zeigen alle Umfragen das vorgezogene Rentenalter lieber.

Das weiß sogar die IG Metall und deshalb hat sie jetzt eine Aufklärungskampagne gestartet. Immerhin war die 35-Stunden-Woche auch unter den Gewerkschaftsfunktionären nicht unumstritten. Schon auf dem Kongreß des Jahres 1977 gab es eine Kampfabstimmung, die die Befürworter der 35-Stunden-Woche nur sehr knapp gewannen. Und als im letzten Herbst die endgültige Entscheidung fiel, ging dies nicht ohne heftige Debatten in der Spitzenmannschaft vor sich.

Die Mehrheit hat sich für diesen Weg entschieden, weil sie davon überzeugt ist, so mehr Arbeitsplätze schaffen zu können als durch das frühere Ausscheiden der Arbeitnehmer, denn dieses Mittel haben die Betriebe in den letzten Jahren bereits kräftig ausgeschöpft. Für die Verfechter der 35-Stunden-Woche spielen also nicht nur humanitäre, sondern auch arbeitsmarktpolitische Gesichtspunkte eine Rolle. Der einzelne jedoch läßt sich meist von persönlichen Interessen leiten, wenn er nach seiner Meinung gefragt wird. So gesehen, haben die Funktionäre durchaus das Recht, der Basis einmal nicht „aufs Maul zu schauen“. – Im übrigen wird ihnen genau dies bei anderen Gelegenheiten nur allzugern vorgeworfen.

Der Streit, den Gesamtmetall vom Zaun gebrochen hat, ist also reichlich unnütz. Denn in der Sache bringt er gar nichts, das Klima zwischen den Tarifparteien indes belastet er erheblich. Und schließlich: Weder die 35-Stunden-Woche, noch das Wirtschaftswachstum, das die Unternehmer als Allheilmittel beschwören, können allein die Arbeitsmarktprobleme lösen. Warum also malen die Kontrahenten nur in Schwarzweiß? Fast könnte man meinen, wir bewegten uns zurück ins Mittelalter, als Christen gegen Heiden und Ketzer in den Krieg zogen. Tausende gingen elend zugrunde, ehe sie das Heilige Land erreichten.

Damals wie heute sind die „Ungläubigen“ einfach die Andersdenkenden. Gegen sie zieht man zu Felde, nicht mehr mit Schwertern und Degen, sondern zeitgemäß mit Gutachten und Umfragen – doch stumpfer sind die Waffen nicht geworden. Nur eins vergessen die Kämpfer: Am Ende muß doch ein Kompromiß gefunden werden. Und der fällt immer schwerer, je mehr der Gegner zuvor in die Ecke gedrängt worden ist. Erika Martens