Ein vielleicht dramatischer Fortschritt auf dem Weg zur Erforschung des Krebses oder jedenfalls eines Krebs-Gens hat sich in diesen Tagen aus einem glücklichen Zusammentreffen mehrerer Ereignisse ergeben. Forschergruppen beiderseits des Atlantik, die vermeintlich an völlig verschiedenen Projekten arbeiteten, haben plötzlich erkannt, daß sie dem gleichen Geheimnis auf der Spur sind.

Im einen Fall ging es um ein Krebs-Gen, einen Erbträger, der an der Entstehung von Tumoren beteiligt ist, und im anderen beschäftigten sich die Wissenschaftler mit einer Substanz, die von Blutplättchen abgesondert wird. Das Krebs-Gen und die Substanz werden seit etwa zehn Jahren untersucht, aber niemandem war auch nur der Anflug einer Idee gekommen, daß beide etwas miteinander zu tun haben könnten.

Das Krebs-Gen ist ursprünglich in einem Virus gefunden worden, das bei Affen Tumoren hervorruft. Lebende Zellen, in die das Virus eindringt, werden von dessen Erbinformation gezwungen, ein Protein zu produzieren, das auf den Namen P28SIS getauft wurde. Bislang ist die biologische Funktion des P28SIS-Proteins unbekannt. Wie alle Eiweisstoffe bestehen seine Moleküle aus einer Kette von Aminosäuren. Wie diese aneinandergereiht sind, war in Stu Aaronsons Labor am National Cancer Institute in der Nähe von Washington herausgefunden worden.

Zur gleichen Zeit untersuchten völlig unabhängig voneinander zwei Arbeitsgruppen, wie die Aminosäuren-Kette des Proteins aufgebaut ist, das bei der Blutgerinnung von den Blutplättchen abgesondert wird. Es trägt den Namen PDGF plateletderived growth factor und spielt eine wichtige biologische Rolle beim Wachstum und der Teilung von Zellen. Aber weil nur äußerst geringe Mengen des PDGF zu beschaffen sind und außerdem die Molekülstruktur der Substanz kompliziert ist – die Aminosäuren-Kette verzweigt sich mehrfach –, erwies sich die Aufgabe, die sich Michael Waterfield am Londoner Imperial Cancer Research Fund Laboratory und Michael Hunkapillar vom California Institute of Technology gestellt hatten, als harte Nuß.

Immerhin konnten Hunkapillar und sein PDGF-Beschaffer, G. Harry Antoniades von der Harvard-Universität, vor ein paar Wochen melden, daß sie die Struktur des einen Endes der Molekülkette ermittelt hatten, während Waterfield zusammen mit Kollegen in Schweden und den USA gerade dabei waren, die Ergebnisse ihrer Strukturfahndung zusammenzustellen.

An dieser Stelle des spannenden Wissenschaftsstücks erschien ein Computer auf der Bühne und übernahm die entscheidende Rolle.

Der Computer gehört Russell Doolittle von der University of California in San Diego. Der Forscher ist fasziniert von den Ähnlichkeiten zwischen Aminosäuren und den entwicklungsgeschichtlichen Gründen für diese Ähnlichkeiten: Um möglichst rasch die vielen Eiweißstoffe, die Jahr für Jahr entdeckt werden, in seine Studien einbeziehen zu können, füttert er seinen Computer mit den Strukturformeln dieser Substanzen, die vom Programm nicht nur registriert, sondern auch mit den bereits eingeordneten Proteinen verglichen werden. Auf Abruf nennt dann die Maschine alle Eiweißstoffe, die dem neu gemeldeten Stoff ähnlich sind. Das Protein P28SIS hatte der Forscher auch schon gespeichert. Als einen Service für die Forschung stellt Doktor Doolittle seine Datenbank jedem Wissenschaftler für Abfragen wie auch für Ergänzungen zur Verfügung.