Von Hanno Kühnert

Mit Gruseln und Schadenfreude lesen die Westdeutschen alljährlich zu Beginn der Reisezeit Gerichtsurteile aus dem Reiserecht; sie sind die Abenteuer-Erzählungen, die Reisedarstellungen von heute. Von einfachen Reiseschilderungen lassen wir, die Millionen Pauschal-Touristen, uns längst nicht mehr fesseln. Der Richterspruch über die Ameisenplage im Traumurlaub, über den Zyklon, der die Hotelterrasse fortriß, über den Krach aus der Bar unter uns – er ist es, der unsere Phantasie beschäftigt. Der Anwalt-Schriftsatz über "vertanen Urlaub I" und "vertanen Urlaub II", die Reklamation, daß es in Italien überwiegend Italiener und kaum deutsches Essen gebe, der Rekurs, daß eine Luxusvilla in Jamaika "fehlerhaft" sei und warum, sie sind heute die Balladen von der großen Reise, und sie freundliche Leser erfahren, zu welch ausgewachsenem Esel er werden kann", faucht Mark Twain seine Amerikaner an. Die Deutschen können es von sich mehr indirekt lesen.

Die ausgiebige Lektüre von kleinen und großen touristischen Katastrophen verdanken wir nicht nur dem Erstaunen des deutschen Kleinbürgers und Pauschaltouristen, wie anders doch das Leben im Ausland sein kann, wir verdanken es auch einem wohlmeinenden Gesetzgeber, der 1979 ins Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) ein neues Reiserecht installierte, das die ins Kraut geschossenen Vorteile der Reiseveranstalter, die ihre Schäfchen nach Vorkasse fast beliebig scheren konnten, etwas korrigierte. Die Juristen, voran die Reiserechtpäpste Harald Bartl und Walter Löwe, aber auch die hohen Richter, machten sich daran, das Gestrüpp einer "Gesamtheit von Reiseleistungen" in die dogmatischen Gebäude der Jurisprudenz zu pressen. Was dabei an Bezeichnendem und Kuriosem herauskommt, sagt nicht nur viel über die mitteleuropäische Touristenseele, sondern auch manches über das Funktionieren der Waage Justitias aus.

Die Reisenden, denen vom meist "mittelständischen Veranstalter", der wie ein ordentlicher Kaufmann handeln muß, "das spezielle Auslandsrisiko" abgenommen wird, zerfallen in zwei Klassen. Die kleineren Beschwerden werden von den Amts- und Landgerichten abgehandelt. Nur die Edel-Pauschaltouristen, die Werte über 5000 Mark einklagen, können bis zur Weisheit des Reiserecht-Senates des Bundesgerichtshofes (BGH) vordringen; es sind jene, die Geld haben und sich doch nicht zu dem – weitgehend auf sich selbst gestellten und gesetzlich noch weniger geschützten – Individualtouristen und Einzel-Globetrotter durchgerungen haben. Sie jetten nach Florida und Ceylon. Einer von ihnen, einquartiert in ein Hotel nahe der (verdurstenden) Sahel-Zone, beschwerte sich später darüber, daß in seinem Hotel täglich dreimal das Wasser abgestellt wurde.

Überhaupt die Beschwerden und Reklamationen! So manches Touristik-Unternehmen macht sich über seine Geldbringer lustig, indem es eine jährliche Auswahl der Ärgerbriefe hohnvoll veröffentlicht: "Entgegen der Lagebeschreibung zeigte die uns zugewiesene Wohnung eher in nordöstliche als in südöstliche Richtung; dies habe ich mittels Handkompaß festgestellt. "Neben einigen anderen Unzulänglichkeiten reichte der Boilerinhalt nur zu viermaligem Duschen." "Mit der Vermieterin, die unter unserer Wohnung eine Sargtischlerei besitzt, kam es zu Auseinandersetzungen, da das Badezimmer nicht ausreichend abgedichtet war und somit Wasser auf die Särge tropfte."

Der Normalmensch, so sagen erfahrene Reiseleiter, windet sich nach etwa drei Tagen aus der Nervosität und dem Streß heraus, die er in den Urlaubsort mitbringt. Nach diesen drei Tagen lassen die vorher häufigen Reklamationen drastisch nach. Doch überraschend viele deutsche Urlauber konservieren Zorn und Unmut bis zur Rückkehr. Was dann von Gerichten judiziert wird, das können Reisemuffel später jubelnd in der Touristik-Presse konsumieren: Ein Gast, der durch Ameisen belästigt und gebissen wird, kann alle Reisekosten ersetzt verlangen (Amtsgericht Köln). Wird statt gebuchter Dusche ein Badezimmer angeboten, stellt dies in Komfort und Nutzungsmöglichkeit keinen Mangel dar (Amtsgericht München). Jeder Reisende muß sich bei einer Urlaubsreise in ein fremdes Land darauf einstellen, daß er die Bestandteile der einzelnen Speisen nicht immer feststellen kann (Landgericht Frankfurt). Sommerlich hohe Temperaturen fallen nicht in den Verantwortungsbereich des Reiseveranstalters, sondern sind naturgegeben (Amtsgericht München). Ein Reiseveranstalter hat das flegelhafte Benehmen mitreisender Kinder nicht zu vertreten (Amtsgericht München). Ein Gast ist mit schuld, wenn er sich ohne jede Untersuchung der Funktion auf einen Klappstuhl setzt, denn es ist allgemein bekannt, daß Klappstühle gefährlich sein können (Landgericht Frankfurt). Klosettbecken, die auf dem Weg zum Strand herumliegen, berechtigen nicht zur Herabsetzung des Preises; wer in ein südliches Land reist, kann nicht die ästhetischen Anforderungen stellen, die er sonst gewohnt ist (Landgericht München).

Solcherart sind 13 von 18 Wahrsprüchen, die der ADAC in seiner Motorwelt publizierte, nicht ohne süffisant auf jene Gäste hinzuweisen, die schon mit festen Reklamationsvorsätzen etwa nach Griechenland fahren, um zu einem billigeren Urlaub zu kommen. Überhaupt scheint nicht nur die spießige Vorstellung, wie das Leben eben im Ausland auszusehen hat, sondern auch die Lust am "Geld zurück", am Mindern und Schadenersatz, die Justizmaschine prächtig anzutreiben, so daß sie manchmal auch ganz absurde Entscheidungen produziert, die berechtigte Ansprüche ungerührt abschmettern.