Von René Drommert

Irgendwo im Gebiet der Costa Verde, der Grünen Küste, südlich von Porto, auf einer Landstraße, neben einer Lagune. Es regnet. Ein kleiner, mit zwei Ochsen bespannter Heuwagen zuckelt uns, die wir in einem bequemen Vier-Sterne-Bus sitzen, entgegen. Neben dem Heuwagen trippelt ein Bauer. Uns, die wir vom Streß bundesdeutscher Großstädte geflohen sind, freut der Anblick. Endlich wieder einmal „unberührte Natur“, Tradition durch Jahrhunderte. Doch seht, der Bauer hat einen Regenschirm aufgespannt, für sich, versteht sich. Das hat etwas Anheimelndes: überall Dekadenz, überlegt man. Aber ein bißchen Pfiffigkeit ist, sieht man das Gesicht des Landmanns, mit im Spiel.

Gegensätze, diskrete Spannungen und Überraschungen machen einen Teil dieses südwestlichen Europas voller Reize aus: Esprit auf portugiesische Art. Als von Piraterie die Rede ist, nennt unser Fremdenführer, ein Patriot vom Scheitel bis zur Sohle, die ersten Seeräuber, das seien Engländer, Holländer und Spanier gewesen. Kein Wort von Portugiesen. Aber Gegensätze werden zuweilen schon innerhalb Portugals selber geschmäcklerisch und verschmitzt wie auf einem Präsentierteller dargeboten, ein Sprichwort zum Beispiel: „Coimbra singt, Braga betet, Lissabon repräsentiert, Porto arbeitet.“ Ich hörte das in Porto und unterwegs nach Süden, bis zu den Toren Lissabons, der fleißigen, zuweilen sogar hektischen Metropole.

Auf einem gräflichen Bauernhof in Lissabons Umgebung sehen wir einiges von dem, was der Nation teuer ist: Volkstänze, unübertrefflich schön, und Stierkämpfe, in einem provisorischen Stadium. Die Tänze, von mehreren Paaren getanzt, rhythmisch unwiderstehlich, werden von Musikern auf zum Teil absonderlichen Instrumenten gespielt, einer „Bilha“, die wie eine Wasserkanne aussieht, und einer „Reque“, die wie eine Riffel gerieben wird. Einer der Tänze hat den schönen Namen „Vinho e alegria“, Wein und Freude. Wo kann bei so viel Lebensüberschwang, fragt man sich, noch Platz sein für gegensätzliche Gemütsregungen, gar Mißmut und Melancholie? Doch das gibt es.

Frauen werden zuweilen im Stich gelassen. In der Stadt und im Landgebiet von Alveiro zum Beispiel, südlich von Porto, kommen auf einen Mann nahezu neun Frauen. Die anderen Männer sind auf und davon, oft zu Schiff, zum Beispiel nach Kanada, wo sie Ersparnisse machen, mit denen sie nachher in der Heimat Cafés oder Garagen bauen. Ob die Frauen inzwischen sich über den Rebensaft, „Vinho e alegria“ tanzend, übermäßig freuen oder des öfteren verstohlen zur Pulle greifen, um ihren Kummer zu ersäufen, ist nicht genau ausgemacht.

Unser Fremdenführer kommentiert Stierkämpfe, bei denen die Tiere nicht getötet werden. Die spanischen Stierkämpfer seien mutiger als die portugiesischen. Ich traue meinen Ohren nicht, welch extravagante Anerkennung. Doch da kommt auch schon der Nachsatz: „...aber brutaler.“ Während einer einwöchigen Reise von Nord- nach Südportugal trat immer wieder die Aversion der Portugiesen gegen ihre Nachbarn, die Spanier, in Erscheinung, eine leichte, latente Gereiztheit.

In der Estremadura, in Batalha, nördlich der Metropole, wo das schönste portugiesische Kloster, „Santa Maria de Victoria“, steht, Spätgotik und Renaissance, finden wir den historischen Grund für das Spanien-Trauma. Krieger Kastiliens fielen im Jahre 1385 über die Portugiesen her. Sie wurden zwar von König Johann I. zurückgeschlagen, aber sie könnten ja eines Tages wiederkommen... Als ob es im 20. Jahrhundert, im Zeitalter eines drohenden nuklearen Krieges nicht eine totale Verschiebung der Fronten gäbe und die Batalha-Sorgen gegenstandslos geworden wären.