Eser: „Wandel durch Annäherung“ – Herr Bahr, war diese Formulierung, die Sie 1963 hier in der Evangelischen Akademie Tutzing verwendet haben, mit Willy Brandt – Sie waren damals Senatspressechef in Berlin, Willy Brandt war Regierender Bürgermeister – abgestimmt als eine mögliche Offensive in der Deutschlandpolitik?

Bahr: Nein, überhaupt nicht abgestimmt. Er hat hier eine wichtige Rede gehalten, und ich habe einen einzigen Punkt herausgenommen und versucht zu erläutern, was das in der Praxis bedeutet. Ich habe nicht einmal die Überschrift erfunden; die hat einer meiner Mitarbeiter erfunden.

Eser: Das hat sich aber doch offensichtlich auf eine Rede bezogen, in der kurz zuvor der damalige amerikanische Präsident Kennedy eine Strategie es Friedens, das heißt der friedlichen Auseinandersetzung mit der Sowjetunion, verkündet hatte.

Bahr: Sie hat sich völlig eingepaßt in das, was damals amerikanische Politik war. Kennedys Strategie des Friedens hieß: Da wir keine Politik mit Aussicht auf Erfolg verfolgen können, die die Be-Aussicht der Sowjetunion zum Ziel hat, müssen wir friedlich und langsam durch Kooperation den Zustand der Spannung zwischen beiden Seiten transformieren. Das war der Kern.

Für uns war die Frage: Ergibt sich daraus eine besondere deutsche Rolle? Die Antwort war: Ja – indem wir einen Strich ziehen unter die bisher gescheiterte Deutschlandpolitik; so zu tun, als gäbe es die DDR nicht.

Eser: Es fällt aber auf, daß ein Entspannungskonzept in einer Zeit entwickelt wurde, in der es national und international eine Vielzahl von Spannungen gab: Die Mauer war zwei Jahre zuvor gebaut worden, die Kubakrise lag erst kurz zurück. In einer Zeit der Spannungen eine Politik der Entspannung, wie ging das zusammen?

Bahr: Man kann, glaube ich, sagen: Wir hatten 1953 am 17. Juni, 1956 in Ungarn und – 1961 durch den Bau der Mauer – 1962 durch die Kubakrise gesehen, daß Konfrontation zu nichts führt, daß Konfrontation die Spaltung nur noch vertieft, und daß darum Entspannung an ihre Stelle treten muß. Das war sozusagen das Ergebnis der bisherigen Erfahrungen.