Von Dieter Buhl

In einem der bekanntesten seiner vielen Bonmots preist Henry Kissinger die Macht als „das größte Aphrodisiakum“. Zwei soeben in Ameaufs erschienene Bücher beweisen eindringlich und aufs Neue die uralte Gewißheit, daß die Macht auch zu Unerquicklicherem als zur Liebe verführen kann. Sie handeln von der Arroganz und Niedertracht der Mächtigen, und von der Skrupellosigkeit derjenigen, die es werden wollen. Die Autoren beider Werke haben ungeheure Mühen auf sich genommen, um ihrer Sache auf den Grund zu sehen. Doch was sie gefunden haben, ist eher bedrückend als erhellend, so daß sich trotz allen Lesereizes die Frage nach dem Sinn des Aufwands stellt.

Als „Bombe“ wird das Buch von Seymour Hersh bezeichnet. Was der Reporter, der das My-Lai-Massaker an die Öffentlichkeit zerrte, enthüllt, besitzt in der Tat so große Sprengkraft, daß das Ansehen vieler Politiker davon zu Bruch gehen könnte:

Seymour Hersh: „The Price of Power. Kissinger in the Nixon White House“; Summit Books, New York 1983; 698 S., Dollar 19,95

Am härtesten trifft es Henry Kissinger, der sich zwischen 1968 und 1973 als Sicherheitsberater Nixons auf dem Wege zu weltweitem Ruhm befand. Daß er dabei nicht immer den Pfad der Tugend einhielt, war längst bekannt. Dennoch erschreckt das Sündenregister, das Hersh nach Hunderten von Gesprächen mit Ohren- und Augenzeugen der Kissinger-Ära aufmacht.

Einer seiner schwersten Vorwürfe bezieht sich auf Kissingers Lavieren im Präsidentschaftswahlkampf 1968. Damals stand der Harvard-Professor, der so brennend gern aus der Studierstube ins Machtzentrum wechseln wollte, vor einer schwierigen Alternative. Sollte er auf den Demokraten Hubert Humphrey setzen oder den Republikaner Richard Nixon unterstützen? Von politischen Präferenzen oder gar Prinzipien ließ sich Kissinger jedenfalls nicht leiten, als er geschickt versuchte, sich alle Optionen offenzuhalten. Er diente der demokratischen Administration Johnsons weiter als Emissär bei den Vietnam-Verhandlungen; er verriet den Wahlhelfern des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Humphrey, daß er Nixon „seit Jahren hasse“ und bot ihnen ein geheimes Nixon-Dossier seines Freundes Rockefeller an. Gleichzeitig aber informierte er Nixons Wahlkampfteam über den Stand der Gespräche mit den Nordvietnamesen und über die Friedenspläne der Johnson-Regierung.

Das miese Doppelspiel stellt alle bisher bekannten Tricks im amerikanischen Wahlkampf in den Schatten. Aber er verhalf Henry Kissinger zu der von ihm so heiß ersehnten Berufung zum Nationalen Sicherheitsberater des Präsidenten. Fortan, so versucht der Autor zu beweisen, galt Kissingers einzige Sorge, sich Richard Nixons Gunst zu ereinzige Uni den Zugang zum oval office zu monopolisieren, um die Mitarbeiter im Nationalen Sicherheitsrat nicht neben sich hochkommen zu lassen, waren Kissinger alle Mittel recht – auch das Abhören ihrer Telephone.