Von Ulrich Wickert

Immerhin wohnt er am Sunset Boulevard in Beverly Hills, doch die Adresse ist das einzige, was er mit Filmstars gemeinsam hat. Er wäre ein langweiliger Mensch, hätte er nicht die Neutronenbombe erfunden. Samuel Cohens Tagesablauf ähnelt dem eines Buchhalters: Er steht früh auf, fährt kurz vor acht ins Büto, kommt abends gegen fünf nach Hause, wo ihn sein kleiner Pudel freudig begrüßt. Die Familie ist meistens ausgeflogen. Entweder macht er dann den Rasen oder schaut fern, während er sein tägliches Pensum mit den Hanteln absolviert oder, was ihm am meisten Spaß macht, er gießt sich einen Drink ein und liest Comic strips.

Am Wochenende spielt der große, schwere Mann Tennis, mal geht er mit Freunden ins Restaurant. Theaterbesuche langweilen ihn. Und daß er die Neutronenbombe erfunden hat, beschäftigt ihn nicht mehr, als sei er der Erfinder von Ketchup. Denn daß er, Samuel Cohen, diese Waffe, die Lebewesen durch hohe Strahlendosis tötet, alles vom Menschen Erbaute jedoch unangetastet läßt, als erster konzipierte, hält er nur seiner Sturheit zugute.

Samuel Cohen, 62 Jahre alt, verkörpert wie kaum ein anderer westamerikanisches, kalifornisches Denken, mit dem die Welt in Zukunft immer häufiger konfrontiert werden wird. Denn auch nach dem vom westamerikanischen Pionierdenken geprägten Präsidenten Ronald Reagan werden zunehmend Politiker aus dem amerikanischen Westen die Weltpolitik bestimmen, hat doch in den letzten Jahren eine Bevölkerungsverschiebung in den USA dazu geführt, daß der Südwesten nun den Nordosten an Stimmen überflügelt.

Aus diesem Nordosten kam im Alter von zwei Jahren der in Brooklyn geborene Sam, wie ihn der Besucher gleich nennen darf, nach Los Angeles, Weil sein Vater, ein Zimmermann, das sonnige Kalifornien bevorzugte. Erst zwanzig Jahre Später, er hatte inzwischen Physik studiert, verließ Sam wieder den Staat, in dem Milch und Honig fließen. Es war 1943 und Krieg. Die Armee rief. Nach kurzer Grundausbildung in Texas schickte sie ihn an das berühmte Massachusetts Institute of Technology, wo es im Winter leider sehr kalt wird. Unter dem Wetter kann Sam fürchterlich leiden. „Aber ich hatte Glück“, erzählte er. „Am kältesten Tag im Januar 1944 schwankte ich, weil ich nicht durch den Eiswind in den Unterricht gehen wollte. Da flog plötzlich die Tür zu meinem Zimmer auf, und der Sergeant schrie: ,Okay, Cohen“ heb deinen Arsch, zieh dich an und meld’ dich.‘“ Ein paar Tage später ist Samuel Cohen in Los Alamos und arbeitet am Manhattan-Projekt, dessen Ergebnis die Bomben von Hiroshima und Nagasaki sein werden.

Samuel Cohen forschte in Los Alamos im Bereich der Strahlenforschung, und Von da an war sein Berufsweg vorgezeichnet. Den Rest seines Lebens wird er darüber nachdenken, wie man Strahlen militärisch einsetzen kann.

„1951 wurde zum Wendepunkt meines Lebens“, erzählt Sam, nimmt einen Schluck und schaut über den frisch gemähten Rasen. „Das Pentagon schickte mich nach Korea auf eine geheime Mission. Ich sollte meine Meinung über einen möglichen Einsatz von Atombomben in diesem Krieg abgeben.“ Er gab seine Meinung ab, die jedoch niemand berücksichtigte. Doch nach dem entsetzlichen Anblick des mit konventionellen Waffen zerstörten Seoul, das den Photos von Dresden und Hiroshima so sehr dich, entstand in Cohens Kopf die Vorstellung von einer Waffe, die wenigstens die Häuser unbeschadet stehen läßt. Und schon bald hatte er mit Hilfe eines Rechenschiebers, den ihm einst Sein Vater geschenkt hatte, die notwendigen Kalkulationen vollzogen. „Den Rechenschieber benutze ich noch heute“, sagt Sam, „weil ich mit elektronischen Maschinen nicht zurechtkomme.“