Von Nina Grunenberg

München, im Juli

Der Mensch denkt, doch Franz Josef Strauß lenkt. Theo Waigel, der Landesgruppenvorsitzende der CSU im Bonner Parlament, hatte gerade die Versammlung seiner 52 bayerischen Abgeordneten in dem oberfränkischen Kloster Banz hinter sich gebracht. Nach dem 6. März war eine Standortbestimmung fällig gewesen, eine Zwischenbilanz war gezogen worden. Sogar Strauß hatte die Arbeit der Landesgruppe positiv vermerkt (die Parlamentarier waren gewohnt gewesen, als Schlappschwänze abgekanzelt zu werden).

Nach einer Zeit erheblicher atmosphärischer Störungen zwischen der bayerischen Staatskanzlei, der CSU-Parteizentrale und der CSU-Landesgruppe in Bonn war zum ersten Mal wieder Burgfriede hergestellt. Die Abgeordneten hatten das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Aller Augen waren auf den Parteitag gerichtet, der am kommenden Wochenende in München stattfinden und auf dem sich die gute Stimmung auch dem Fußvolk mitteilen sollte.

Doch mitten in dieser Eintracht wurde in München plötzlich eine Granate gezündet. Sie war nicht auf Bonn gezielt, sie explodierte in den eigenen Reihen. So groß war die Verwirrung über den Milliardenkredit an die DDR, so unerforschlich aber auch die politische Ratio von Franz Josef Strauß, der der Kreditbürgschaft nicht nur zugestimmt, sondern sie nach eigenem Bekunden sogar selber „eingefädelt“ hatte, daß selbst langgediente CSU-Kärrner die Waffen streckten und ihre Zuflucht im Galgenhumor suchten: „Wir sind eben“, sinnierte einer, „die geborenen Feinde politischer Langeweile.“

Aber damit war die Basis nicht zufrieden. In gewisser Hinsicht funktioniert sie bei der CSU so ähnlich wie bei den Grünen: Sie will Bescheid wissen, sie will informiert werden und sie will mitreden. Zwar ist sie seit Jahrzehnten gewohnt, Strauß als Vordenker zu haben und ihm in allem, was er sagt und macht, zu folgen – wenn es sein muß mit geschlossenen Augen und bis zum Verfassungsgericht in Karlsruhe, wie beim Grundlagenvertrag. Dem entspricht für Franz Josef Strauß’ Teil die nüchterne Einschätzung, die Würdenträger der CSU seien in ihrer Mehrzahl fett, faul und auf Feuerwehrfesten. Dabei sind jedoch beide Teile jederzeit in der Lage, sich gegenseitig Stunden der Wahrheit zu bereiten, die auf ein äußerst intensives Seelenleben der Basis mit ihrem Vorsitzenden schließen lassen, und die CSU als wahre Volkspartei ausweisen.

Der Milliardenkredit ist so eine Geschichte. Wer die Beweisnot von Franz Josef Strauß am letzten Montag auf der Pressekonferenz in seiner Münchner Parteizentrale spürte, der konnte sich lebhaft vorstellen, wie gern er das Geschäft „konspirativ“ über die Bühne gezogen hätte. Daß es „hochgespielt“ wurde und den Vorsitzenden vorzeitig in Schwulitäten brachte, hat die CSU umgehend der Deutschen Bank aufs Konto ihrer beleidigten Gefühle geschrieben. „Das ist doch der erste Kredit“, stellte ein bayerischer Politiker verständnisinnig fest, „der ohne Zutun der Deutschen Bank zustandekam und bei dem sie weder Konsortialführerin war noch Mitführerin.“ In dieser Rolle sonnt sich diesmal die kleine Bayerische Landesbank.