Visueller Medienkitsch gefährdet die Seelen weit mehr als der Sprachkitsch, den Karl Kraus und andere an der Tagespresse angeprangert haben. Denn der Medienkitsch, elektronisch und gedruckt, bildet eine magische Einheit gegen die Ratio mit dem Andenkenkitsch, dem Kitsch der Selbstdarstellung, im deutschen Wohnzimmer. Selten ohne Musike. Wer kann von sich sagen, er sei frei davon?

Harry Pross, Professor am Institut für Semiotik und Kommunikationstheorie der Freien Universität Berlin, in seiner Abschiedsvorlesung.

Verlegerpoesie

„Die organisierte Förderung junger Literaten – solches ruht in der Tat als Wunschvorstellung in mir.“ Ja, das hört man gleich: Da spricht ein Verleger. Früher haben Verleger Bücher herausgebracht, weil sie selber lesen wollten. Lauscht man den Nicht-Lesern in den Manager-Büros der heutigen Buch-Fabriken, so fragt man sich, ob in jenen Höhen der Ökonomie überhaupt noch bedacht wird, daß ein Buch, jenseits der Verpackung, grundsätzlich etwas anderes ist als jedes übrige Konsumgut. Wo man dabei ist, einen „ganzen Konzern stromlinienförmiger auf den Markt hin zu orientieren“, wo „auf drei Publikumsschienen gearbeitet“ wird, wo von der „strategischen Geschäftseinheit ‚Buch‘“ die Rede ist, wo Literatur nur als „Inhalte-Arbeit“ vorkommt, da ist, leider, Bertelsmann nicht fern. Der neue Vorstandsvorsitzende der Aktiengesellschaft, Mark Wössner, ein kluger, ein gebildeter Mann, nennt doch tatsächlich in einem Interview mit dem Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel (vom 8. Juli) einige der Verlage, die dem Haus Bertelsmann allein noch literarisches Ansehen verschaffen (Knaus, Siedler), „Satellitenverlage“. Phantasie, nicht angepaßtes Denken, Dichtung – gibt es das noch für den Verleger als Vorsitzenden? Denn natürlich denkt heute bei „Satellit“ jeder nicht an Astronomie, sondern an Politik; und was „Satelliten“ da zählen: Wir wissen’s. Wössner nimmt denn auch kein Blatt vor den Mund: „Wenn Sie mich fragen, ob wir an Problemfirmen mit dem Hackebeil herangehen, dann muß ich Ihnen sagen, jawohl...“ So spricht ein Mann, dessen Wort im deutschen Verlagswesen Gewicht hat und der seine „Firmenphilosophie“ (auch so ein Wort!) hinter dem Witz versteckt: „Wenn Reinhard Mohn der Allah ist, dann bin ich Mohammed.“ Wie sagt der französische Politiker und Essayist Rivarol (1753–1801): „Sprache ist äußeres Denken.“

Harry James

Er war ein Zirkuskind. Auf Sägemehl, zwischen Feuerschluckern und Löwen, brachte ihm der Vater die ersten Trompetentöne bei, und sein Leben lang blieb er ein Mensch der Showbusiness-Manegen: der Amerikaner Harry James. Bald landete er im berühmten Tanzorchester von Ben Pollak, und als er 1936 in Benny Goodmans Orchester losschmetterte, war sein Glück gemacht. Er gründete bald ein eigenes Orchester und eroberte sich die Ballsäle Amerikas mit seiner musikalischen Mischung aus Pomade und Swing, sie entsprach seinem Habitus: immer gut rasiert, immer gut gekämmt. Das Vorbild Louis Armstrong schimmerte nur noch wenig durch (und Richard Claydermans’ unsäglicher Klavier-Ersatz hat seinen Vorläufer auch in Harry James mit seinem Hit „You made me love you“). Angeblich war das „Musik für die Stunden zu zweit“. In Wirklichkeit setzte der mit dem Hollywood-Star Betty Grable verheiratete Trompeter den Massen einen süchtig machenden Fusel vor. Doch er war auch imstande, all das wegzuschütten. Dann swingte er los, und man merkte, daß er erstklassige Swine-Arrangeure (wie Neal Hefti und Ernie Wilkins) beschäftigte. Nach dem Krieg wurden die Deutschen mit Harry James überfüttert. Seinen „Trompeten-Blues“ spielten die Radiostationen der Sieger ununterbrochen. Und wie ein Echo aus jenen hungrigen Jahren dudeln deutsche Stationen noch heute diesen flotten Zwölftakter, wenn sie Sportsendungen ankündigen. Harry James starb am 5. Juli im Alter von 67 Jahren.

Die ängstliche Macht