Immer mehr alte Manager halten mit dem technischen Wandel nicht mehr Schritt

Ich habe noch und noch Bücher über die Biotechnologie gelesen, aber kein einziges auch nur annähernd begriffen“, klagte jüngst Tomo Tokusue. Dann nahm der Präsident des Textilfaserherstellers Teijin seinen Abschied und übergab sein Unternehmen „dem ersten Technokraten in unserer 67jährigen Firmengeschichte“. Der Grund des Präsidentenwechsels: Nippons größter Kunstfaserproduzent will die verlustbringende Branche verlassen und in Pharmazie und Cnemotechnologie diversifizieren – der radikalen Neuorientierung seines Unternehmens sah sich Tokusue nicht gewachsen.

„Ich gebe auf, weil ich von Technik gar nichts verstehe“, beschied auch Präsident Masao Funahashi den versammelten Vorstand des Elektroriesen Furukawa Electric. Er habe in den letzen Monaten „mit dem technischen Wandel nicht Schritt gehalten“ und wolle seinem Haus nicht den Weg in die Zukunft versperren. Und der Chefsessel bei Nippon Kogaku wurde kürzlich frei, weil Firmenchef Takateru Koakimoto „durch die Technologie schnell gealtert“ war, wie er selbst zugab.

Die Zeit läuft ab für den Präsidententyp von gestern und heute, ahnt die Nachrichtenagentur Kyodo. Er habe sich im Windschatten der lebenslangen Anstellung vorsichtig die innerbetriebliche Karriereleiter hinaufgearbeitet und seine Spitzenposition vor allem deshalb erreicht, „weil er von nichts etwas verstand“, wie Kyodo spottet

Tatsächlich galten Japans Top-Manager als Prototypen der japanischen Arbeitswelt: Nicht Leistung, sondern Seniorität, nicht Führungsqualitäten, sondern harmonische Integrationskraft qualifizierten den Nachwuchs bisher zu höchsten Management-Rängen. Doch Sitzfleisch und Profilarmut bilden heute kaum noch das alleinige Rüstzeug für den Mann an der Spitze.

In Japans Industrie wird deshalb mit einem ehrwürdigen Tabu gebrochen: Für Top-Manager galt bisher die Zwangspensionierung zwischen 55 und 57 Jahren, nicht. Je betagter ein Wirtschaftsführer, desto höher rangierte sein Einfluß im Unternehmen und im öffentlichen Leben des Landes. Doch seit sich Japan international mit den Insignien einer Technologie-Weltmacht schmückt, passen die greisen Wirtschaftskapitäne nicht mehr ins Konzept. Die Ausmusterung allzu entrückter Patriarchen scheint heute deshalb zum Leistungsausweis für die Dynamik angeschlagener oder zurückgefallener Unternehmen zu avancieren.

Wie das Wirtschaftsforschungsinstitut Wako ermittelte, haben allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 172 der 1324 börsennotierten Konzerne Japans den Chefsessel neu besetzt. Im gesamten letzten Jahr wagten nur 164 „Firmenfamilien den Vatermord“, und das bedeutete schon einen Rekord.