Die Hapag-Lloyd AG, Hamburg-Bremen, ist in eine kritische Lage geraten. Zu den Verlusten aus einer verfehlten Diversifizierungspolitik treten jetzt auch noch Einbußen in der Linienschiffahrt.

Ende November vergangenen Jahres waren Vorstand und Aufsichtsrat der Hapag-Lloyd AG, Hamburg-Bremen, noch der Meinung, die Sanierung des durch Verluste gebeutelten Unternehmens aus eigener Kraft, das heißt ohne Neuzuführung von Kapital, schaffen zu können. Leute, die Bilanzen lesen können und die überdies einigermaßen über die Verhältnisse bei Hapag-Lloyd Bescheid wußten, schüttelten den Kopf über so viel Optimismus. An der Börse galt schon damals ein Kapitalschnitt mit anschließender Wiederaufstockung des Aktienkapitals als unausweichlich.

Wie recht die Pessimisten hatten, zeigte sich im März dieses Jahres. Um für 1982 eine einigermaßen ausgeglichene Bilanz vorlegen zu können, war die Neuzuführung von Aktionärskapital unausweichlich geworden. Noch vor Einberufung der diesjährigen Hauptversammlung, die über die Bilanz für 1982 zu beschließen haben wird, wurde bekanntgegeben, daß das Grundkapital von 180 auf 120 (im Verhältnis 3:2) Millionen Mark zusammengelegt werde und gleichzeitig um 60 Millionen Mark zum Kurs von 200 Prozent wieder aufgestockt werden soll – und zwar rückwirkend per 31. Dezember 1982.

Am 23. Juni 1983 kam dann der zweite Paukenschlag. Um die für 1983 erwarteten Verluste ausgleichen zu können, wird der am 18. August stattfindenden Hauptversammlung ein zweiter Kapitalschnitt mit anschließender Wiederaufstockung vorgeschlagen, und zwar wieder von 180 auf 120 Millionen mit Aufstockung um 60 Millionen zum Kurs von 200 Prozent. Die Aktionäre pumpen also 240 Millionen Mark in die Gesellschaft, um sie über Wasser zu halten.

Nun sind es natürlich nur die drei Großaktionäre (Deutsche Bank, Dresdner Bank und die der Allianz und der Münchener Rückversicherung gemeinsam gehörende Veritas), die das Geld für Hapag-Lloyd aufzubringen haben. Denn kein vernünftiger Kleinaktionär zahlt für junge Hapag-Lloyd-Aktien 100 Mark, wenn er gleichzeitig „alte“ zum Preis von knapp mehr als 40 Mark an der Börse kaufen kann. Die Folge wird sein, daß der Anteil der Kleinaktionäre am Hapag-Lloyd-Kapital auf ein Minimum zusammenschrumpfen wird.

Nun ist das sicherlich kein Unglück. Denn im Grunde hätte der private Anleger bei Hapag-Lloyd seit Jahren nichts mehr zu suchen. Schon Albert Ballin, der vor dem Ersten Weltkrieg die Hapag zur Weltgeltung geführt hatte, hatte die Auffassung vertreten, daß das Unternehmen nicht zum Dividendenzahlen da sei, sondern um Schifffahrt zu treiben.

Was die Dividenden angeht, so haben sich seine Nachfahren an diese Maxime getreulich gehalten. Denn die Ausschüttungen an die Aktionäre waren selbst in den besten Nachkriegsjahren stets mager. Für eine weitgehend steuerfreie Gewinnverwendung hatte der Fiskus durch spendable Sonderabschreibungsmöglichkeiten gesorgt. Der Aktionär wurde mit dem Hinweis getröstet, die sich ansammelnden Reserven würden ihm letztlich durch steigende Kurse seiner Papiere zugute kommen.