Frauenausschuß fühlt sich von den Kollegen ausgetrickst

Alte Hasen wissen es: Jeder Kongreß hat seine Kraftprobe. Stets gibt es eine Gruppe, die ihrem jahrelang aufgestauten Unmut an. der Führungsspitze Luft machen muß – und sei es an einem ganz unwichtigen Punkt.

Beim Gewerkschaftstag der IG Metall, der im Oktober in München stattfindet, könnte sich der Zwist gleich an mehreren Stellen entzünden. Immerhin stehen so brisante Themen wie die Forderung nach der 35-Stunden-Woche und die Friedenspolitik auf der Tagesordnung. In der Frankfurter Gewerkschaftszentrale indes richtet man sich noch auf einen dritten Konflikt ein. Da sich über Personen immer am trefflichsten streiten läßt, halten viele es für wahrscheinlich, daß der Krach dieses Jahres bei den Vorstandswahlen ausbrechen könnte.

In der Führungsspitze der größten Einzelgewerkschaft der Welt stehen nämlich große Veränderungen bevor. IG-Metall-Chef Eugen Loderer und die Vorstandsmitglieder Ursula Ibler und Georg Benz geben ihre Ämter aus Altersgründen ab. An die Stelle Loderers soll nach dem Vorschlag des Vorstands sein bisheriger Stellvertreter Hans Mayr aufrücken, Mayrs Posten möchte die Gewerkschaftsspitze mit dem Stuttgarter Bezirksleiter Franz Steinkühler besetzen, und den Platz von Georg Benz soll Horst Klaus von der Verwaltungsstelle Nürnberg einnehmen. So weit sind die Besetzungspläne der obersten Metaller in der Mitgliedschaft unumstritten.

Nur mit seinem Vorschlag für die Nachfolgerin von Ursula Ibler hat der Vorstand Widerstand provoziert. Seine Wahl fiel nämlich auf Gudrun Hamacher von der Verwaltungsstelle Dortmund – mit ihr indes sind viele Frauen in der IG Metall nicht einverstanden. Sie bemängeln, daß Gudrun Hamacher in der Organisation weitgehend unbekannt ist, sich auch durch ihre Frauenarbeit vor Ort keinen Namen gemacht habe und überdies politisch eher dem rechten Flügel zuzuordnen ist. Die Frauen aber halten es für dringend erforderlich, daß die neue Repräsentantin in der Vorstandsetage eine fortschrittliche Interessenpolitik betreibt. „Es sollte eine Kollegin mit großem frauenpolitischen Engagement mit Kritikfähigkeit, frauenpolitischen und Durchhaltevermögen sein“, meinen die Mitglieder des IG-Metall-Frauenausschusses.

Ihr Mißmut hat aber noch eine andere Ursache: Sie fühlten sich schlicht übergangen. Denn als der geschäftsführende Vorstand sein Paket am Rosenmontag dieses Jahres schnürte, wurde der Frauenausschuß von dem Votum für Gudrun Hamacher völlig überrascht. Er wollte sich erst auf einer Sitzung eine Woche später auf seine Kandidatin einigen. Mit dieser Brüskierung brach der Vorstand, nach Ansicht der Frauen, mit einem alten Gewohnheitsrecht. Zwar wissen die Kolleginnen, daß sie kein formelles, in der Satzung verankertes Vorschlagsrecht für ihre Repräsentantin im Vorstand haben, doch dies hat auch der Vorstand nach dem Buchstaben der Gewerkschaftsverfassung nicht. Die Entscheidung über die Kandidaten liegt allein bei den Delegierten des Gewerkschaftstages.

Bisher hat der Vorstand den Personalvorschlag der Frauen stets übernommen. Das allerdings sei diesmal gar nicht möglich gewesen, kontern die Angegriffenen, denn es habe eben leider kein Votum der Damen gegeben. „Die haben doch einfach geschlafen.“ Doch diesen Vorwurf wollen die Frauen nicht auf sich sitzen lassen. Ihre Wahl habe zwar eine Woche nach dem Beschluß stattgefunden, doch lange vor der offiziellen Nominierung durch den erweiterten Vorstand. Überdies hätten die Gremien bisher immer erst drei oder vier Monate vor dem Kongreß über Personalentscheidungen debattiert, diesmal aber habe man überraschend, schon sieben Monate vor der eigentlichen Wahl, Nägel mit Köpfen gemacht. Und daß man die Frauen nicht einmal gefragt habe, bevor man sie vor vollendete Tatsachen stellte, sei schließlich auch eine Frage des Umgangs miteinander.