Auf dem Pariser Flughafen Orly starben sechs Menschen nach einem Bombenanschlag armenischer Terroristen auf den Schalter der türkischen Fluggesellschaft.

Die „Geheime Armee zur Befreiung Armeniens“ (ASALA) hat seit Beginn der siebziger Jahre zwei Dutzend türkische Diplomaten umgebracht, hat im vergangenen Sommer ein Blutbad auf dem Flughafen Ankara angerichtet und jetzt wieder den türkischen Feind im Ausland getroffen. Daß dabei unbeteiligte französische Touristen ums Leben kamen, mag ins Kalkül der Terroristen gepaßt haben, denen es um internationale Aufmerksamkeit für ihr Ziel gehen muß, das in den Schlagzeilen schon lange keinen Platz mehr fände, gäbe es nicht den Terror: die alte Rechnung der Armenier gegen die Türken.

Während des Ersten Weltkrieges löste die türkische Regierung das vermeintliche Problem der armenischen Minderheit durch Völkermord: Um die anderthalb Millionen Armenier wurden auf Geheiß der Regierung getötet; nur wenige hunderttausend überlebten, einige blieben als Minderheit mit prekärem Status in der heutigen Türkei (aber nur außerhalb der alten Wohngebiete), wenige übersiedelten in die Armenische Sowjetrepublik nördlich der türkischen Grenze. Die Armenier des Westens, zusammengehalten von der Erinnerung an gemeinsames Leid, von einer selbstbewußten Nationalkirche und von den großzügigen Spenden reicher Landsleute für Schulen und Kultureinrichtungen, bilden eine verzweigte Diaspora: Eine halbe Million lebt heute in den USA, 300 000 in Frankreich, eine ähnliche Zahl in den Städten des östlichen Mittelmeerraums, die schon vor dem Völkermord armenische Kolonien beherbergten.

Im Nahen Osten scheint auch die ASALA entstanden zu sein, im engen Bündnis mit der PLO, von der sie vor über einem Jahrzehnt die Strategie gelernt zu haben scheint.

An Bombenanschläge der PLO erinnert das Attentat von Orly auch wegen der Wahl des Zeitpunkts. Palästinensische Gewaltakte fanden oft an Daten statt, die den Palästinensern als besonders schmerzliche nationale Gedenktage erscheinen (wie dem Tag der israelischen Staatsgründung). Der Annete sich wenige Tage vor dem sechzigsten Jahrestag des Vertrages von Lausanne, dem Frieden zwischen den Westmächten und der Türkei Kemal Atatürks: Damals verzichteten Engländer und Franzosen auf alle Garantien für die Armenier, denen sie ursprünglich nach dem Ersten Weltkrieg noch einen eigenen Staat zubilligen wollten.

Nicht nur armenische Terroristen haben dieses Jubiläum im Kopf. Am Wochenende kommt in Lausanne, dem Ort der diplomatischen Niederlage von 1924, der Armenische Weltkongreß zusammen. Sein Ziel ist die Bildung einer dauerhaften politischen Organisation. Die Exilpolitiker erstreben diplomatischen Status und wollen auf dieser Grundlage „mit allen politischen und diplomatischen Mitteln für die Anerkennung der unverzichtbaren Rechte des armenischen Volkes und die Befreiung seiner von den Türken besetzten Gebiete“ kämpfen. Der Kongreß in der Schweiz erlaubt paradoxe Assoziationen: Während ein militanter Flügel der armenischen Nationalisten die PLO kopiert, erscheint der politische Flügel als Nachahmung der zionistischen Kongresse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gi