Innenminister Zimmermann hat es gewagt: Um den deutschen Baum zu retten, verlangt er Opfer auch vom deutschen Autofahrer. Neue Autos, so hat der Minister vorgeschlagen, sollen von 1986 an bleifreies Benzin tanken können. Aufwendige Katalysatoren, die von den bisher üblichen Bleizusätzen zerstört würden, sollen dann die Abgase reinigen – die Luft würde besser, und die Bäume könnten aufatmen, außerdem würde auch das giftige Blei aus der Umwelt verschwinden.

Angesichts dieses Lohnes scheinen die Opfer gering: Rund tausend Mark mehr muß für ein solch sauberes Auto bezahlt werden; außerdem verbraucht es etwas mehr Sprit. Bleifreies Benzin, in der Herstellung ebenfalls teurer, müßte den Autofahrer nicht einmal mehr kosten – wenn es von der Steuer entlastet würde.

Alles scheint also in bester Ordnung. Ein Minister hat Mut zu einer unpopulären Entscheidung bewiesen und damit das Beste für sein Land erreicht.

Das alles aber ist nur der schöne Schein. Zimmermanns Vorstoß wird dem deutschen Wald zumindest in diesem Jahrzehnt nichts mehr nützen; bevor die saubere Luft aus den Auspuffrohren über Deutschland weht, sind die meisten Bäume bereits gestorben.

Denn die bleifreie Zukunft mit Katalysatoren beginnt nicht schlagartig zum 1. Januar 1986 – zu diesem Termin werden lediglich neue Autos mit der neuen Abgasreinigung ausgestattet. Die weit über zwanzig Millionen älteren Wagen werden weiter auf unseren Straßen sein und weiter Benzin mit Bleizusätzen tanken müssen, umrüsten lassen sie sich nicht.

Da die Wagen mit den sauberen Abgasen aber mehr kosten und weniger leisten, ist damit zu rechnen, daß sich vor dem Umstellungstermin noch möglichst viele Autofahrer ein Fahrzeug für Bleibenzin kaufen werden – und daß diese Autos dann auch möglichst lange gefahren werden. Dieses – aus der Sicht des einzelnen ökonomische – Verhalten haben die Amerikaner bei der Einführung von bleifreiem Benzin in den USA vorexerziert; so wird die schöne neue Welt mit den sauberen Abgasen noch weiter hinausgeschoben.

Darüber hinaus sind es ja nicht neue Autos, die die Umwelt besonders belasten, sondern vor allem alte Wagen mit meist schlecht eingestellten Motoren. Auflagen für Neuwagen allein helfen der Luft nur begrenzt – scharfe Kontrollen des alten Wagenparks in möglichst kurzem Abständen könnten viel schneller wirken. Mit dieser Vorschrift ließe sich auch die Umweltverschmutzung durch alte Autos sofort und deutlich vermindern, Experten des Umweltbundesamtes raten darum zu einer technischen Überwachung im Halbjahresrhythmus. Solche Prüfungen müßten allerdings über die bisher vorgeschriebenen Abgastests beim TÜV hinausgehen; die Erfassung und Kontrolle mehrerer Schadstoffe und nicht nur die Messung des Kohlenmonoxidgehalts im Abgas wären nötig. Für den Autofahrer würde das teurer und unbequemer – ein Grund für den Politiker, so etwas gar nicht erst vorzuschlagen?