Warum der Prozeß gegen den "Schlächter von Lyon" Frankreich entzweit

Von Claus Leggewie

Zunächst sah alles nach Sensation aus. Als der SS-Scherge Klaus Barbie Anfang Februar 1983 endlich von Bolivien nach Frankreich ausgeliefert und an der alten "Stätte seines Wirkens", in Lyon, in U-Haft genommen wurde, überschlugen sich die französischen Medien vor Genugtuung. Ein großer, womöglich im Fernsehen zu übertragender Schauprozeß schien den Franzosen ins Haus zu stehen.

Heute ist von dieser anfänglichen Euphorie nicht mehr viel zu spüren. Das Verfahren gegen Barbie schleppt sich als langwierige und mühsame Voruntersuchung am Lyoner Gericht dahin.

Doch damit nicht genug: Der Pariser Anwalt Jacques Vergès, der vor einigen Wochen an Stelle des bisherigen Verteidigers Alain de la Servette den Fall Barbie übernahm, behauptet nun, daß es eigentlich nicht zum Prozeß gegen den "Schlächter von Lyon" kommen dürfe. Vergès, bislang ein engagierter Verteidiger linker algerischer Befreiungs-Kämpfer und palästinensischer Terroristen, jetzt als Anwalt des SS-Mannes Barbie: Freund und Feind reagierten verwundert und empört, hat doch Vergès in zwei – freilich abgewiesenen – Anträgen gar die Freilassung Barbies gefordert (siehe Interview Seite 10).

Serge Klarsfeld, der Nazi-Jäger und Vertreter der Opfer Barbies, schloß angesichts der Liaison Vergès-Barbie auf eine betrübliche Kontinuität zwischen alten und neuen "Feinden Israels": Nazis und PLO.

Die Übernahme der Verteidigung Barbies durch Vergès erscheint nachgerade als Inbegriff jener Widersprüche in der französischen Gesellschaft, die mit der Auslieferung Barbies offengelegt worden sind. Längst mehren sich in Frankreich jene Stimmen, welche die Auslieferung des heute 70jährigen Gestapo-Folterknechts für eine Art Danaergeschenk halten, das noch zu lästigen und peinlichen Erkenntnissen über die Verstrickung der Grande Nation in den Faschischmus führen wird.