Beschwingt erhebt sich die Friedenstaube von schwarz-rotgoldenem Grund. Sie hat gar nichts zu tun mit ihrer kläglichen Artgenossin, die – durchbohrt von einer mächtigen Rakete – von anderen Plakaten kündet, wie anderen es um den Frieden in diesem unserem Lande bestellt ist. Nein, fern steht der neue, konservativ gesonnene Ableger jener anderen Friedensbewegung. Denn Heiner Geißler will, man weiß es, nichts gemein haben mit dem Pazifismus, der schwach ist, weil er sich auf bloße Gesinnung kapriziert.

Ohne es zu sagen, knüpfte Geißler an die wildbewegte Debatte um seine kühne Auschwitz-Theorie an, als er vorige Woche die Geburt der CDU-Friedensbewegung verkündete. Die Union, so ließ er wissen, gedenke, die alte Friedensbewegung – sie muß nun wohl die rot-grüne heißen – dazu zu zwingen, sich radikal und konsequent auf die Folgen ihrer Vorstellungen zu besinnen: Ohnmacht und Preisgabe der Freiheit.

Vorerst tummeln sich beide Konkurrenten bei der Exegese eines ehrwürdigen Textes. Geißler ist davon überzeugt, daß ein Christ im Geiste der Bergpredigt für die Nachrüstung eintreten könne, und er will, daß möglichst viele Mitglieder von CDU und junger Union auf „10 000 Frier denstagen“ ihm dann nachfolgen.

Das CDU-Mitglied Franz Alt wird nicht darunter sein. Alt, streitbarer Report-Moderator, hat in seinem gefühlig geschriebenen Buch „Frieden ist möglich“ dargedaß der Nato-Doppelbeschluß die Bergpredigt fürchten muß wie der Teufel das Weihwasser. Und jetzt, da knapp eine Viertelmillion Exemplare verkauft sind, will der Autor seine Leser mobilisieren. Ein „Arbeitskreis gegen Nachrüstung“ ist schon, synchron mit Geißlers parteibeschlossener Initiative, gegründet worden; er besteht vorerst aus 150 CDU-Mitgliedern. Sie wollen selber mit dabei sein, wenn im Herbst die Kasernen blockiert werden. Mehr noch: Alt beabwerden. mit zu fasten, wenn entschiedene Christen aus Amerika, Frankreich und der Bundesrepublik am 6. August per Hungerstreik an den Hiroshima-Jahrestag erinnern. Ein rigides Bekenntnis zur Religion tue not, denn: „Wir glauben ja nicht mehr an das Positive, an Gott, an das Konstruktive. Das ist die eigentliche Geisteskrankheit unserer Zeit.“

Pazifismus, radikal zu Ende gedacht. Kaum anzunehmen, daß Heiner Geißler sich davon überzeugen läßt. G. S.