Von Karl-Heinz Ludwig

Als Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, im Jahr 1445 in Mainz zum erstenmal mit beweglichen Lettern druckte, konnte er nicht wissen, daß ziemlich genau vierhundert Jahre vor ihm ein gewisser Bi Sheng in China bereits dieselbe Erfindung gemacht hatte. Ebensowenig wußte er wohl auch, daß das Papier, das seit wenigen Jahrzehnten auch in Deutschland das teure Pergament verdrängte, eine chinesische Erfindung war: Im Jahre 105 n. Chr. hatte der Hof-Eunuch Cai Lun dem Kaiser zum erstenmal offiziell von dem neuartigen Schreibmaterial berichtet. Bereits hundert Janre später war es in China allgemein verbreitet. Nach Europa gelangte es – wie so manche andere Nach relle Errungenschaft der Chinesen – erst Jahrhunderte später durch Vermittlung der islamischen Welt.

Doch was in China Geschichte und Gesellschaft stabilisierte, wirkte in Europa revolutionär. Tetzels Ablaß und Luthers Thesen – ohne Druck und Papier wären sie kaum mehr gewesen als Anlaß zu lokalem Pfaffengezänk. Das erste Massenmedium aber verlieh dem Streit eine solche Breitenwirkung, daß dem römischen Klerus ein Vorgehen wie noch kurz zuvor gegen die Hussiten nicht mehr ratsam schien. Und als man es schließlich doch noch versuchte, war es zu spät. Das gedruckte Wort des Glaubens und Gewissens sollte zum erstenmal seine Macht erweisen zu einer Zeit, in der selbst die festeste Burg keinen Schutz mehr bot vor dem Donner der Kanonen: Druckerschwärze und Schwarzpulver ergaben ein explosives Gemisch, das die mittelalterliche Gesellschaft in ihren Grundfesten erschütterte.

Europa aber hat das Schießpulver nicht erfunden. Bereits im 9. Jahrhundert hatten chinesische Daoisten bei ihrer Suche nach der Unsterblichkeitsdroge die lebensgefährliche Mixtur aus Salpeter, Kohle und Schwefel entdeckt. Kurz darauf schon wurde sie militärisch genutzt. Das Rezept jedoch fand erst zwei Jahrhunderte später seinen Weg nach Europa. Wie es dorthin gelangte – über die Araber oder durch die Mongolen –, ist nicht ganz sicher. Sicher ist nur, daß sich das Abendland seit der Renaissance seiner gründlich bedient.

Das Zeitalter der Renaissance und der Reformation war auch das Zeitalter des Pulvers und der Kanonen, des Papiers und der Druckkunst: Feuerwaffen und Buchdruck begründeten die Weltherrschaft der abendländischen Zivilisation.

Doch warum erfanden die Chinesen weder die Dampfmaschine noch den Fernschreiber, nicht die Atombombe und nicht den Computer? Die Antwort kann nur lauten: In China herrschten andere soziale und geistesgeschichtliche Voraussetzungen. Dort nämlich gab es kein römisches Recht und kein Rittertum, weder einen Aristoteles noch einen Thomas von Aquin – und damit konnte es auch keinen Luther geben und keinen René Descartes.

Vor allem aber gab es kein Alphabet. Die chinesische Schrift ist eine Begriffs-Schrift. Ihre Zeichen symbolisieren Bedeutungen, nicht phonetische Einheiten wie unser ABC. Während jedoch der Lautbestand aller Sprachen – und mit ihm das Zeicheninventar aller phonetischen Schriftsysteme – durch die physische Gestalt der menschlichen Sprechwerkzeuge begrenzt bleibt, ist das Reich der Bedeutungen potentiell unendlich. Es ist ackumulativ. Und mit ihm ist es notwendigerweise der Zeichenbestand einer Begriffsschrift.