ZEIT: Daß die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet höher ist als im Durchschnitt der Bundesrepublik, daran hat man sich inzwischen ja gewöhnt. Aber nun gibt es auch noch eine neue Entwicklung: Insgesamt sinkt die Arbeitslosenquote, im Ruhrgebiet jedoch steigt sie ...

Gramke: Das ist für mich gar nicht überraschend. Das Ruhrgebiet hat eben kein breites Branchenspektrum, sondern wird sehr einseitig von Wirtschaftszweigen geprägt, die deutlich im Abwärtstrend liegen. Diese Branchen – Kohle und Stahl – werden sich auch in den nächsten Jahren weiter zurückentwickeln. Die Folge wird sein, daß es auf dem Arbeitsmarkt des Ruhrgebiets unabhängig von Jahreszeit und Konjunktur eine Negativentwicklung geben wird.

ZEIT: Verliert das Ruhrgebiet an Lebenskraft?

Gramke: Diese Gefahr steht tatsächlich drohend vor uns und wird – von vielen immer noch verniedlicht und verharmlost – in Wirklichkeit umschlagen, wenn der vor uns liegende Weg des Ruhrgebiets im wesentlichen als bloße Fortsetzung der Vergangenheit beschritten würde. Es braucht und darf aber nicht dazu kommen: Das Revier hat als erstes altes Industriezentrum die realistische Chance, sich grundlegend zu erneuern und zukünftig wieder aus sich selbst heraus dauerhaft lebens- und entwicklungsfähig zu sein.

ZEIT: Woher nehmen Sie diesen Optimismus?

Gramke: Durch massive und langjährige Anstrengungen in der zurückliegenden Zeit ist im Ruhrgebiet eine Gesamt-Infrastruktur aufgebaut worden, für die man in keinem alten Industriegebiet der Welt etwas Vergleichbares findet, Ich nenne nur: beispielhafte Verkehrsstruktur, die dichteste Universitätslandschaft in Europa, besterschlossene und teilweise neuaufbereitete Industrieflächen, und mittlerweile außerordentlich verbesserte, teilweise hervorragende Wohn- und Freizeitwerte.

ZEIT: Dennoch hat es bisher keine nennenswerte Neuansiedlung von Unternehmen im Revier gegeben. Warum soll sich das denn plötzlich ändern?