Der Weg, den Schulen, Hochschulen und Lehrerbildung gehen müssen, ist härter als Träume, Drogen, Traktate und Pamphlete es sind, so revolutionär sie sich auch gebärden mögen.

Wenn die Erziehungswissenschaft ihren Beitrag zur Lösung dieser: Fragen leisten will, müssen zusammenfinden, was sich heute in der Pädagogik noch meidet: analytisch-technologische Rationalität und kritisch wertende Vernunft. Praktisch heißt das: Erziehungswissenschaften müssen zusammen mit den Human- und Sozialwissenschaften zwischen Realitäten und Entwürfen, harten Fakten und offenen und flexiblen Planungsmodellen, zwischen Erkenntnis der realen Ausgangslage und wissenschaftsfundierter Antizipation von Zukunft eine Lösung dafür finden, wie Demokratie mit Leistung und Leistung mit der mündigen Entfaltung von Individuen und Gesellschaft in Übereinstimmung zu bringen sind, zum mindesten im Bereich der Schulen, Hochschulen und in der Lehrerbildung.

In dieser Richtung ist an Hand konkreter Modelle zu experimentieren und in dieser Richtung wird schon experimentiert. Wer utopisch denkt und die heute möglichen radikalen Reformen an Bildern einer paradiesischen Zukunft mißt, die nie Wirklichkeit werden, hat es leicht, die Reformen als unzulänglich und systemkonform abzutun; wer historisch denkt und die begonnenen und geplanten Reformen an den konkreten historischen Entwicklungsmöglichkeiten in diesem Jahrhundert mißt, wird ihr progressives systemveränderndes Potential erkennen, das genutzt, aber auch wieder leichthin verspielt werden kann. Schon beginnen den Politikern die Umweltschutzprobleme wichtiger zu werden als die Bildungsprobleme.

Heinrich Roth (1906-1983)