Eigentlich war’s ja schon verboten an deutschen Kurstränden; aber hier und dort dürfen wir nun doch wieder (nicht, was Sie denken!) – unsere Burgen bauen. Zum Beispiel in der Hohwachter Bucht an der Ostsee.

Die Erlaubnis hat der Badegast schriftlich auf seiner Kurkarte. Er möge nur dafür sorgen, heißt es da, daß der Durchmesser der Sandburg die Drei-Meter-Marke nicht überschreite und daß die Schaufel nicht tiefer als dreißig Zentimeter in den Sand eindringe.

Da in dieser Empfehlung der Hinweis fehlt, wie hoch der Sandwall sein darf, ist dem Schaufeldrang deutscher Burgenbauer in Hohwacht keine Grenze gesetzt. Hier darf er also wieder Mensch sein, ohne sich ’reingucken lassen zu müssen von links oder von rechts. Hier kann er sozusagen seine eigenen vier Wände mitnehmen, wenn er Urlaub macht. Und wer besonders fleißig ist, der kann seine Strandburg-Wälle wässern, bis sie wie glattgeklopfter Beton aussehen.

Der typische deutsche Strandburgenbauer ist konstruiert wie eine Gießkanne auf Beinen. Er nimmt (meistens mit einem Blecheimer) Flüssigkeit auf, um sie sofort wieder abzugeben. Problematisch ist, daß er auf seinem Trampelpfad zwischen Meerwasser und Strandburg an anderen Strandburgen vorbeistolpert, die ihm im Wege sind. Das bringt Ärger; denn eine kurze Verzögerung in der Wasserversorgung bewirkt, daß die eigenen Wälle schon wieder zusammenrutschen, kaum daß die (an sich wünschenswerte) Sonne die Oberfläche ausgetrocknet hat. Der schnelle Fehltritt in die Weichteile des Etablissements von nebenan ist deshalb manchmal gar nicht zu vermeiden.

Der Strandburgenbauer, der auf sich hält, hat also im wahrsten Sinne des Wortes "laufend" zu tun. Denn er muß ja beweisen, daß er nicht zu denen gehört, die ihren Strandkorb aufwandslos genießen. Er will ihn auch noch abarbeiten, obwohl er ihn bezahlt hat.

Also, er war wieder da in der Hohwachter Bucht. Und er buddelte sich sofort ein. Und merkwürdig, je weiter er dabei nach unten geriet, desto deutlicher war aus seinem Gesicht der Stolz abzulesen, gegenüber den flacher Liegenden jenen Niveau-Unterschied erreicht zu haben, der ihn befähigte, von ganz unten auf einen herabzusehen.

Er hatte sich die Intimität eines geschlossenen Raumes geschaffen, die es ihm sogar gestattete, selbst seine murrenden Kinder (zwei Töchter zwischen zwölf und fünfzehn) mit einer an sich sinnlosen Tätigkeit in Trab zu halten: "Sitzt nicht so rum, ich kann nicht alles allein machen." Und weil er nicht zu befürchten brauchte, daß der Strandwärter ihm, der seine Kurtaxe bezahlt hatte, mit einem Zentimetermaß kommen würde, war er schließlich mit seiner Kinderschaufel so tief nach unten durchgedrungen, daß seiner Familie nur noch ein ganz Bescheidenes Plätzchen zum Sitzen übrigblieb auf der Talsohle.