Ist der „große Satan von Washington nach Moskau umgezogen?

Von Andreas Kohlschütter

Jetzt fliegen sie wieder. Die Maschinen von Europa nach Teheran sind voll von den aus der Boom-Zeit am Golf bekannten Geschäftemachern mit den polierten Aktenköfferchen. Rastlos blättern sie unterwegs ihre Waren- und Preislisten durch und füttern immer neue scharf kalkulierte Posten in ihre Taschenrechner ein. Der „gegenwärtig einzige nahöstliche Wachstumsmarkt“ lockt und zieht an wie ein Magnet. Die Herren Handelsreisenden können die Landung in einer neuen Iran-Hausse kaum erwarten.

Auch das lange verödete Teheraner „Interconti“ ist plötzlich wieder ausgebucht: Zimmer nur gegen frühzeitige Bestellung oder reichliche Dollarbestechung. In der Hotelhalle, wie früher, die Acht-Uhr-Morgens-Schlange der taxisuchenden Kaufleute aus dem Westen, denen tage- und wochenlanges Antichambrieren in den Ministerien bevorsteht. Es geht um babyfood und Eisenbahnbau, um Textilien, Telephonnetze, Öl-Technologie, um Fleisch, Stahl und Verpackungsmaterial. Es geht um die nachrevolutionäre Öffnung der islamischen Republik nach Westen.

„Die Reinheit einer Revolution“, so stellte Jean Cocteau einst fest, „kann sich vierzehn Tage lang erhalten.“ Der Gottesstaat Chomeinis macht da keine Ausnahme. Nach vergeblichen, durch eine unvernünftige westliche Sanktionspolitik noch angefeuerten Versuchen, die iranische Außenhandelspolitik zu revolutionieren und sich vom Westen abzukoppeln, begann schon 1982 die von Pragmatismus geprägte Umkehr. Denn weder die Dritte Welt noch der kommunistische Ostblock waren in der Lage, die dominierenden Export-Import-Bindungen an die westlichen Industrienationen zu ersetzen – als Abnehmer iranischen Rohöls gegen Hartwährung und als Lieferant hochentwickelter Technologie wie Expertise.

So waren die Devisenreserven Teherans bald erschöpft, die modernen Wirtschaftsbereiche vom Kollaps bedroht, die unverzichtbaren Nahrungsmittel und Konsumgütereinfuhren gefährdet. Der Iran brauchte dringend höhere Ölexporte und mehr Devisen, um jeden Preis. Das hieß Rückbesinnung auf das zentrale West-Geschäft. So lag die Bundesrepublik bereits Ende 1982 mit ihren Iran-Exporten in Höhe von 1,4 Milliarden Dollar wieder an der Spitze, gefolgt von Japan und der Türkei (je rund eine Milliarde) sowie England und Italien. Und für 1983 zeichnen sich schon heute für diese Spitzengruppe enorme Steigerungsraten ab. Besonders die Japaner, die mit Ausfuhren in Höhe von zwei Milliarden Dollar liebäugeln, sind wieder im Kommen. „Auf dem Golfplatz kann man Teheran kaum mehr von Tokio unterscheiden“, meint ein deutscher Firmenvertreter.

Dasselbe gilt natürlich nicht für den „großen Satan“, für Amerika. 1976 vereinbarte der damalige US-Außenminister Henry Kissinger mit dem Schah einen amerikanisch-iranischen Handelsaustausch (ohne Militärkäufe) von 40 Milliarden Dollar über fünf Jahre. 1982 Deliefen sich die direkten US-Exporte (hauptsächlich Weizen und Reis, auch etwas Elektronik) lediglich auf 200 Millionen Dollar. Immerhin füllt Amerika einen Teil seiner strategischen Reserve mit Öl aus dem Iran, erwarten Wirtschaftsexperten vor Ort für 1983 auf dem Iran-Markt einen Absatz von amerikanischen Industriegütern, Computern und Ersatzteilen aller Art in Höhe von einer Milliarde Dollar – via Tochtergesellschaften in Finnland, Belgien, Dubai, Amsterdam und Singapur.