Göttingen, Sommersemester 1824: Von der Begegnung mit „Harry“ (Heinrich) Heine ist der Jura-Student Eduard Wedekind so beeindruckt, daß seine Tagebucheintragungen immer länger werden.

Heine ist aus Düsseldorf gebürtig und denkt in der Folge in die Juristenkarriere zu treten, ob aber in Preußen, weiß er noch nicht. Consiliert worden ist er hier früher wegen Suiten in der Neujahrsnacht und wegen einer Forderung. Schon von Bonn aus ist er mit dem unterschriebenen Consil hierher gekommen. Er sagt, er hätte dort viele Suiten gerissen und wäre alle Abend sehr spät und knüll zu Hause gekommen, so daß seine Wirtin, wenn er etwa schon des Abends um 10 zu Hause gewesen wäre, immer ängstlich zu ihm gekommen sei und ihn gefragt habe, ob ihm etwas fehle. – Von meinen poetischen Versuchen hütete ich mich wohl, ihn das geringste merken zu lassen. – Einmal kamen wir auch auf Journale zu sprechen; er liest nur 2, worauf ich ihm sagte, daß er sehr viele bei Vandenhoeck und sehr wohlfeil bekommen könnte.

„Ach“, antwortete er, „das hilft mir nicht, dann bekomme ich sie ein halbes Jahr später; ich muß sie gleich lesen, sowie sie herauskommen.“ – Ich glaube, seine Bekanntschaft wird für mich von großem Nutzen sein; schon heute hat er mir manch gute Idee an die Hand gegeben.

Mittwoch, 16. Juni 1824. Abends ging ich zum Ulrich, wo ich immer gewiß bin, Heine zu treffen. Ich ließ mich diesmal von ihm anreden; dann gingen wir wieder spazieren durch den Garten, und Heine entwickelte mir wieder eine große Menge ganz neuer Ansichten und Ideen. Er ist ein ungeheures Genie, dabei durchaus nicht von sich eingenommen. „Ich glaube auch, daß er wohl an mir Gefallen findet, und so viel ich ihn jetzt kenne, werden wir uns sehr gut zusammen vertragen, obgleich wir in vielen Punkten sehr voneinander verschieden sind. – Hinter uns saßen ein paar Damen in einer Laube; ich fragte ihn, ob er sie schon gesehen hätte. „Ach“, sagte er, „ich bin sehr kurzsichtig.“ – „warum tragen Sie denn keine Brille?“ – „Das sieht so affektiert aus.“ – „Wie können Sie mir das sagen!“ fragte ich ihn lachend, „da ich doch gerade eine Brille auf habe.“ – „Ach Gott, das habe ich gar nicht gesehen“, sagte er schnell und entschuldigte sich sehr. Die Geschichte amüsierte uns, wir lachten beide recht darüber.

Während wir spazieren gingen, stieß er immer mit demFuße kleine Steinchen, die auf dem Wege lagen, vor sich hin. Wir kamen bei einfachen blutroten Rosen vorbei. In Beziehung auf seine gestrigen Bemerkungen über die Fabel fragte ich ihn, was ihm diese Rose zu sagen scheine. – „Aufgeputzte Armut“, sagte er nach einigem Besinnen, ungemein – treffend. Ich sprach heute absichtlich mit ihm über das Jus. Er hört die Pandekten bei Meister. „Das ist ein göttlicher Kerl,“ sagte er, „erstens, zweitens, alles kurz, und man sieht gleich, wie man es anwenden kann.“ – Das Römische Recht interessiert ihn schon, mehr noch das Canonische. „Es würde interessant sein,“ sagte er, „den Kampf des Kanonischen und Römischen Rechts miteinander darzustellen, wie denn die Dekretisten und Romanisten in Bologna sich fast tot drum schlugen.

„Übrigens“, sagte er, „habe ich vom Jus doch nichts los, als was so hie und da hängen geblieben ist; manchmal ist aber doch mehr hängen geblieben, als ich selbst glaubte. Ich habe überhaupt nichts los als die Metrik. Sonst war es mein stehender Witz, wenn jemand etwas Gutes oder Schlechtes geschrieben hatte: der hat die Metrik los oder nicht los. Die Metrik“, fuhr er dann fort, „ist rasend schwer; es sind vielleicht 6 oder 7 in Deutschland, die sie verstehen (das klingt nun in bezug auf ihn, so auf dem Papiere, etwas arrogant, war es aber gar nicht, in dem Tone, wie er es sagte). Schlegel hat mich hereingeführt“, fuhr er fort, „das ist ein Koloß. Er ist durchaus nicht poetisch, aber durch seine Metrik hat er manchmal etwas hervorgebracht, was in das Poetische reicht.“

„Worin bei den Alten der eigentliche metrische Witz liegt, das habe ich bis jetzt noch nicht herausbringen können. Die alten Versmaße sagen mir für die deutsche Sprache gar nicht zu, z. B. der Hexameter. Wir haben manche schöne Hexameter, die ganz richtig und vortrefflich gebaut sind, so daß nichts daran auszusetzen ist, aber sie gefallen mir doch nicht; nur einige Ausnahmen gibt es, und das sind gerade nicht die besten, z. B. die Römischen Elegien von Goethe. Schlegel sagte mir, Goethe hätte ihm sein Manuskript vorgelesen und er (Schlegel) hätte ihn auf manches in der Versifikation aufmerksam gemacht, aber Goethe hätte ihm gesagt, er sähe wohl, daß das nicht ganz richtig sei, aber er möge es nicht ändern, weil es ihm so besser zusage als das richtigere.“