Von Gisela Lindemann

Ein wunderliches Etikett ist auf der Pressekonferenz der Leipziger Buchmesse in diesem Frühjahr dem stellvertretenden DDR-Kulturminister Klaus Höpcke, gefragt um seine Meinung zu zwei vom Aufbau Verlag Berlin angekündigten Neuerscheinungen, Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ und Irmtraud Morgners Roman „Amanda“, für diese beiden Bücher eingefallen: „Weibliches Warnen und Wagen.“ Unfehlbar muß ihn der Zufall der nahezu reinen rhythmischen und klanglichen Übereinstimmung der beiden Frauennamen und Buchtitel dazu inspiriert haben. Aber zugleich oder zumindest zunächst die Möglichkeit, einer dergestalt lyrischen Beschreibung sogleich etwas Anständiges entgegenzusetzen, gewissermaßen das Schwarzbrot erwachsener Rede. Was ihn betreffe, fuhr er nämlich fort, so halte er es – und sei sich darin der Zustimmung der Mehrheit der Männer und Frauen dieses Landes gewiß, mit der Deutung der Geschichte als einer Geschichte des Klassenkampfes.

Nicht wesentlich Verschiedenes war in der März/April-Nummer der DDR-Literatur-Zeitschrift Sinn und Form der „Kassandra“-Kritik ihres langjährigen Herausgebers Wilhelm Girnus zu entnehmen, wenngleich, zumindest in der ersten Hälfte, auf der beeindruckenden Ebene eines homme de lettres. Doch dann kam es auch hier auf durchaus gemeinverständlicher Ebene:

„Das Bild, das sie von der Rolle der Frau in der Geschichte anhand der Dichterin gibt, ist nicht das wahre Bild. Sie unterstellt nur geschriebene Geschichte. Das bereits ist ein grundlegender Fehler. Alle bisherige geschriebene Geschichte mit Ausnahme der Zeit seit Marx und Engels ist das Geschichtsbild ausbeutender Klassen. Dadurch aber, daß Christa Wolf untergründig das Problem der unterdrückten Frau überdies auf mir unverständliche Weise mit dem .mörderischen Wer – Wen’ verknüpft, wird dem Leser – möglicherweise ungewollt – der Eindruck suggeriert, die Geschichte sei nicht in ihrem tiefsten Grunde der Kampf zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten, sondern zwischen Männern und Frauen, ja noch grotesker: zwischen Kausalem und Akausalem, Rationalem und Emotionalem. Daß so ein blühender Unsinn in einem sozialistischen Land das Licht der Welt erblickt, das kann doch nicht wahr sein “

Wie herrschte in Christa Wolfs Erzählung der trojanische König Priamos seine Tochter Kassandra an, als sie dem Rat zu verlangen empfahl, „den Krieg zu endigen. Sofort“, und zuzugeben, daß der Raub der Helena Verletzung des Gastrechts gewesen sei? „Red’ keinen Unsinn.“

Dieser Vorspruch zu einer Rezension sollte nicht mißverstanden werden als wohlfeile (inzwischen wieder noch wohlfeilere) Polemik gegen die Unterdrückung oder auch nur Beschimpfung selbständig denkender Schriftstellerinnen (und Schriftsteller) in der DDR. Die Rede vom Unsinn oder gar blühenden Unsinn, die an die Stelle des Argumentes die Zurechtweisung setzt, nämlich ein durch nichts als den väterlichen Führungsanspruch gestütztes Machtwort, dessen erotische Attraktivität ja noch immer nicht unterschätzt werden darf, ist auch hierzulande, wie jedermann weiß, weiter verbreitet, als irgendeinem denkenden Menschen lieb sein kann.

Es geht ja um mehr. Es geht um Muster, die aufgedeckt werden sollen und nach Möglichkeit widerlegt werden durch Arbeiten wie die von Christa Wolf und Irmtraud Morgner. Um unsere Zivilisationsmuster mit anderen Worten. Also um genau die, denen die Chefdenker unseres so großen wie kleinen Planeten mit ihrer Rüstungs- und/oder Wachstumsstrategie noch immer folgen zu müssen glauben. Das zu entzaubernde Zauberwort dazu heißt auf beiden Seiten: Prestige. Seine Verlängerung in die sogenannte Kulturszene ist, wie ebenfalls jedermann weiß, inzwischen längst nicht mehr allem das sogenannte Anliegen der Weltprovinz DDR. Es klingt die schiefe Alternative in den folgenden beiden Sätzen des exemplarisch strapazierten DDR-Rezensenten Girnus den Ohren der westdeutschen Rezensentin verdammt vertraut: