Von der Apo zur ästhetischen Avantgarde

Von Jürg Altwegg

Den Mercedes stellt der Verlag. Es ist ein alter Diesel, der nur gerade sieben Liter pro hundert Kilometer schluckt. Mit ihm rattern Heidi und Peter zur Frankfurter Buchmesse, in die Toskana oder nachts durch die Berliner „Scene“, wo sie zu Hause sind. In einer alten Fabrik in Schöneberg belegen sie eine 160-Quadratmeter-Etage für tausend Mark monatlich. Sie befindet sich in einer jener Wohnstraßen, durch die man auf Rädern nur im Slalomverfahren kommt. Im Hinterhof zweimal rechts, dann vier oder fünf Treppen hoch und läuten (oder klopfen): Merve Verlag, Berlin – eine erste Adresse des zeitgenössischen Denkens. Betrieben wird der Verlag von Heidi Paris und Peter Gente. Beide kommen aus der turbulenten Zeit.

Peter Gente wurde 1936 geboren. Er hatte „unheimlich Angst, in die Hitlerjugend eingezogen zu werden“. Als Achtjähriger sah er ein KZ und erlebte Nacht für Nacht die Fliegerangriffe. Der Vater war Jurist und ein „kleiner Nazi“, der in der DDR als Gehilfe bei einem Rechtsanwalt arbeiten mußte. Nach seiner Flucht aus der „Ostzone“ bekam er 1953 in Westberlin sofort einen Job und gesellschaftliches Ansehen: Er wurde Richter und war in den sechziger Jahren intensiv mit den Studentenprozessen beschäftigt. „Stahlhelm-Gente“ wurde er von der Apo genannt. Er war nun ein strammer SPD-Wähler und zog nach seiner Pensionierung ins liebliche Bayern, wo er als aktiver CSU-Sympathisant verstarb. Von ihm kommt der Merve-Mercedes und eine kleine Erbschaft, die ganz im Verlag aufgegangen ist.

Fast ebenso exemplarisch ist der Lebenslauf von Gente jr. Als Student trat Peter 1959 dem SDS bei. 1962 ging er nach Paris, denn er wollte die soeben entdeckten Roland Barthes und Lucien Goldmann im Original lesen können. Er war bei der ersten Anti-Atom-Bewegung dabei und ein eifriger Konsument des Meinhof- und Miezen-Konkret, das die Aufklärung an mehreren Fronten betrieb. „Das ‚Kapital‘ haben wir nie gelesen“, dafür um so gieriger die Zeitschrift Socialisme ou Barbarie der antitotalitären Propheten aus Frankreich, Claude Lefort und Castoriadis. Die französische „Internationale der Situationisten“, welcher der spätere Kommunarde Kunzelmann angehörte, und die Pariser „Arguments“ haben bei der geistigen Vorbereitung der Studentenrevolte eine viel bedeutendere Rolle gespielt als der orthodoxe Marxismus.

Peter kannte sie alle, Gudrun Ensslin und Rudi Dutschke, Andreas Baader, Horst Mahler und Ulrike Meinhof. Doch ist er selber nicht der Typ, der große Reden schwingt. Dafür gab der schüchterne Gente der Raubdruck-Szene, die sich nicht auf Adorno und Habermas beschränkte, manchen wertvollen Tip. Er las die Zeitschrift der Spur-Gruppe Der Anschlag, und er verteilte auch schon mal Flugblätter vor dem Berliner Warenhaus, das später in Flammen aufging. Aber zum Terrorismus – dem rhetorischen wie dem bewaffneten – unterhält der Sohn des „Stahlhelm-Gente“, der über seine Kommilitonen aus den Kommunen richtete, keinerlei Affinität. So stand er, als die Genossen in den Untergrund oder in die Fabriken gingen, sich in sektiererische Rote Zellen verkrochen oder zum langen Marsch bliesen, ziemlich heimatlos da.

Heidi Paris kam 1970 aus der Provinz nach Berlin. Für sie waren die 68er fast schon Greise. Sie tauchte ins Psycho-Milieu ein, begeisterte sich für die literarische Komparatistik als Grenzüberschreitung schlechthin und liest Lacan sowie Saussure, den Vater der modernen Linguistik. Die Leute, mit denen sie zusammenlebte, taten dies schon nicht mehr in Kommunen, sondern in Wohngemeinschaften. Das Rot verfärbte sich langsam in Grün. Peter und Heidi lernten sich in einer Kneipe kennen.