Wenn das Wiener Burgtheater seine Pforten schließt, haben die Mimen von Ottakring wieder Saison: Dann pilgern sowohl Einheimische wie Touristen in die Vorstadt, wo sich „Das letzte Wiener Stegreiftheater“ hinter hohen Mauern pittoresk versteckt: ein großer Garten, nur wenige Bäume, Holzbänke, die schon ganz verwittert sind, ein Bretterverschlag als Ausschank gleich neben der Kasse. Und die Bühne, vis-à-vis, gleicht einer bunt bemalten Schießbude aus dem Wurstelprater.

Hier hat das Etablissement der Karoline Tschauner noch jeden Sommer überlebt, während alle anderen achtzehn Wiener Stegreifbühnen längst eingegangen sind,

Hanswurstiaden auf Wienerisch: Da beginnen die Vorstellungen ganz traditionell mit eintönigem Geklimpere auf einem Klavier, dessen Beine so wacklig sind wie die Kulissen, und mit dem eindeutigen Augenzwinkern eines Ansagers, der zweideutige Attraktionen ankündigt: „Wenn die Bettstatt kracht“, „Mit 50 fängt die Liebe an“ oder „Ihre Hoheit die Bißgurn“ – lauter Spielvorlagen des seligen Gustl Tschauner, Prinzipal und Verfasser von 700 Stegreifsujets.

Seit rund 20 Jahren führt dort Witwe Karoline das Regiment – mit allen handfesten Ritualen des Stegreiftheaters: Allabendlich, anderthalb Stunden vor Vorstellungsbeginn, treffen sich die Schauspieler in der Garderobe. Der Regisseur bestimmt das Stück, erklärt die wichtigsten Auftritte und Abgänge. Dazwischen agieren die Vorstadtkünstler; was immer während einer Szene passiert, bleibt ihrer Improvisationskunst und Lust an der Komik überlassen.

Die beziehen sie meist aus der untersten Schublade; es blühen Volkstheaterklischees mit Standardfiguren wie die betrogene Bäuerin, die bissige Alte, der schlitzohrige Bürgermeister, der von einem kreuzbraven Mädl reingelegt wird. (Das letzte Wiener Stegreiftheater, Maroltingerstraße, A-1160 Wien, täglich 19.45 Uhr, bis Mitte September, ausgenommen bei schlechtem Wetter, Kartenpreise von 40 bis 55 Schilling.) Sibylle Fritsch