Eine Feministin als Frankreichs Ministerin der Frauenrechte / Von Jürg Altwegg

Den Eingang zu Yvette Roudys Büro schmücken zwei fast mannshohe Grünpflanzen; links davon ist ein Poster von Simone de Beauvoir mit Zitaten aus „Das zweite Geschlecht“ angebracht. In den Wandelhallen, an deren Mauern weiteren Pionieren der Frauenbewegung gedacht wird, herrschen ein emsiges Treiben und ein Hauch von Militanz – wie in einem französischen Ministerium fühlt man sich hier trotz der vornehmen Adresse im sechzehnten Arrondissement jedenfalls nicht. Und wie muß man denn eigentlich die Herrin des Hauses begrüßen: Madame le oder Madame la Ministre? „Das ist mir gleichgültig, es ist sehr schwierig. Madame le Ministre ist nicht korrekt, und Madame la Ministre tönt grammatikalisch falsch. Man hatte sich eben nicht vorstellen können, daß einmal eine Frau Ministerin würde.“

Yvette Roudy, die im Alter von 52 Jahren Ministerin wurde, entstammt bescheidenen Verhältnissen: „Ja, es stimmt, ich habe unter der sozialen Ungerechtigkeit gelitten. Ich weiß aus Erfahrung, daß die sozialen Klassen eine alltägliche Realität sind. Es gab die Besitzenden und die anderen, ich gehörte zu den anderen, zu jenen, die nichts haben und sehr jung arbeiten müssen, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen. Meine Mutter kam von einem Bauernhof, mein Vater war Arbeiter. Mit siebzehn habe ich zu arbeiten begonnen.“

Das war – gleich nach der obligatorischen Schulzeit – in einem Büro, als Schreibkraft. Zur Politik hatte sie damals noch keinerlei Beziehung. „Ich kam nur langsam zur Politik. Vorerst habe ich reagiert. Reagiert auf Situationen, die mich schockierten, die ich aber noch nicht so richtig durchschaute. Und dann habe ich mit dem Besuch von Abendkursen begonnen. Das war ein erster Versuch, meine Unabhängigkeit zu demonstrieren. Ich kam spät nach Hause, was meinem Vater gar nicht gefiel, denn er war sehr streng. Aber das brachte mich dazu, nachzudenken. So wurde mir langsam bewußt, was Privilegien sind und was Ungerechtigkeiten – das, was mich eher intuitiv zum Reagieren veranlaßt hatte.“

Auf dem zweiten Bildungsweg machte Yvette Roudy schließlich das Abitur. Mit ihrem Mann, dem Schriftsteller und Theatermann Pierre Ronny, verbrachte sie einige Jahre in England. Nach ihrer Rückkehr wurde sie Übersetzerin. „Eines Tages gab mir Colette Audry den Auftrag, das berühmte Buch von Betty Friedan zu übersetzen. Für mich wurde das zu einer eigentlichen Entdeckung. Ich fand Situationen beschrieben und erklärt, wie ich sie selber erlebt hatte. Mir wurde bewußt, daß der Feminismus ein Kampf für die Gleichheit ist und eine notwendige Reaktion auf die Entwürdigung.“

Aus den Erfahrungen ihrer persönlichen Existenz und Emanzipation sind Sozialismus und Feminismus für Yvette Roudy zu eigentlichen Synonymen geworden. „Es gibt“, und damit meint sie nicht zuletzt ihre Vorfahren im gleichen Amt, „Frauen, die sind rechts und feministisch. Meiner Meinung nach hört ihr Kampf sehr schnell auf, ihre Analyse ist nicht sehr solide. Ich hingegen bin der Überzeugung, daß die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern aus der sehr kohärenten Organisation der Gesellschaft resultiert. Die geschlechtliche Arbeitsteilung ist eine Realität: der Mann draußen, die Frau drinnen.“

Das Ministerium, das François Mitterrand 1981 einrichtete, heißt offiziell „Ministère des droits de la femme“. Dies ist die – bewußt gewählte Entsprechung für den Begriff der Menschenrechte, der im französischen Wort „homme“ den Menschen ziemlich exklusiv mit dem Mann gleichsetzt. Roudys „Ministerium der Frauenrechte“, wie man es deshalb nennen muß, ist nicht das erste „Frauenministerium“ Frankreichs – aber das erste, dem man zum Portefeuille auch ein Budget gegeben hat: 107 Millionen Francs im Jahr. Und da es mit seinen rund hundert Beschäftigten keine kostspieligen Institutionen (außer sich selber) unterhalten muß, kann das vorhandene Geld mit großer Beweglichkeit eingesetzt werden.