Von George Tabori

Der erste, der Wind von der Wende bekam, war Tschechow, der in irgendeinem deutschen Heilbad kurte. Nicht dumm, sandte er eine frostige Epistel an die Moskauer Mimen, die schon bis über die Bärte in einem Stück namens „Der Kirschgarten“ steckten.

„Habe ich es nicht gesagt? In diesen unkomischen Zeiten wollen die Leute ihre Sorgen vergessen und lachen, statt in slawischer Schwermut ertränkt zu werden. Also zum letzten Mal, Konstantin, ich will nicht aus dem Establishment herausgeekelt werden und in irgendeinem Avantgarde-Bunker in Nischnij Nowgorod im Abseits enden: Hör auf mit diesem Seelenschmus und verleg Dich auf Lacher!“

Stanislawski explodierte und zerriß das Regiebuch, schickte mit bebendem Pincenez ein Telegramm nach Wiesbaden, wo der Stückeschreiber erfolglos seine Lungen gespült hatte. „Okay, Anton, Du hast es so gewollt Seit zwanzig Jahren oder so erzählst Du mir, Dein Klinischer Weltschmerz sei komisch. Jetzt habe ich Neuigkeiten für Dich, Anton: Gogol ist komisch, Grabbe ist kömisch, selbst Goethe ist gelegentlich komisch, aber Du, Anton, Du bist ungefähr so komisch wie ein sibirisches Leichenbegängnis im Winter. Noch heute verlasse ich das Theater zugunsten dieser vielversprechenden Ulknudel Wolfgang (nicht Albert) Spier, und viel Glück beim letzten Akt!“ Strindberg, der bereits durch Stockholmer Tratsch informiert war, hörte auf, an den okkulten Ausströmungen seiner sexbesessenen Ex-Ehefrau zu schnuppern, rasierte seinen Schnauzbart ab und eilte nach Paris, wo er sich, bei Kaffee und Croissant, bereit erklärte, mit Offenbach an einer Operettenversion von „Fröken Julie“ zu arbeiten, mit Marika Rökk als Titelfigur.

Ibsen, der anfangs zögerte, rief schließlich Archer und Shaw an, seine Anhänger in England, und war einverstanden, die Ursache von Oswalds Wahnsinn nicht vererbter Syphilis, sondern einem psychosomatischen Nasennebenhöhlendauertröpfeln zuzuschreiben.

Auch Büchner, stets empfänglich für konterrevolutionäre Trends, hatte schon eine Nachricht nach Ulm gesandt, worin er vorschlug, sein neues Stück umzutaufen in „Dantons Leben“. „Lassen Sie uns, lieber Everding, eine positive Utopie betonen, die die Tümlicnkeit des Volkes eher stärken, denn lähmen möge. Der Schluß muß ohnehin umgeschrieben werden, wobei ich mir den Iren Behan als Vorbild nehme und das Ganze mit einem Epilog im Himmel beschließe, in dem Danton und Robespierre einen Stepptanz hinlegen und dabei ‚Tod, wo ist dein Ding-eling-eling?‘ singen.“

In der Zwischenzeit, wieder zurück auf dem Montmartre, fechten die Fauvisten einen mordsmäßigen Streit aus, Matisse widerruft unter Schreien „zurück zu Poussin!“, während Picasso das schiefsitzende Auge von den Stirnen mehrer Frauen entfernt und beginnt, die Grauheit Guernicas in herrlichem Technicolor zu übermalen. Beuys, immer schnell bei der Sache, ruft eine Pressekonferenz im „Wienerwald“ ein und klärt ein Mißverständnis auf. „Was ich in den Sechzigern sagte, war nicht: Jeder Mensch ist ein Künstler, sondern Jeder Künstler ist ein Mensch’“, und stellt die Skizzen aus, die er für die rosa Renovierung des Gästeklos im Kanzlerbungalow angefertigt hat.