Von Hans-Hagen Bremer

Heißt es nun der Ecu oder die Ecu? Schon die Geschlechts bestimmung des Euro-Talers "ECU", den die Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft (EG) 1978 bei der Gründung des Europäischen Währungssystems (EWS) zu dessen Grundlage machten, ist nicht ganz einfach.

Abgeleitet wurde der Name aus der Abkürzung für European Currency Unit, der englischen Bezeichnung für Europäische Währungseinheit. Der weibliche Artikel wäre also angebracht. Doch das ist eben umstritten. Denn im Französischen ist die Abkürzung ECU identisch mit dem ecu, dem Taler, der vom 13. bis zum 19. Jahrhundert in Gold oder in Silber als Zahlungsmittel im Umlauf war. Ein rechter Zwitter also, dieser Ecu.

Daß er außerhalb des Europäischen Währungssystems, in dem er als gemeinsamer Nenner für die Festlegung der Leitkurse und als Rechengröße im Verkehr zwischen den beteiligten Notenbanken dient, einmal zu Bedeutung kommen würde, hatten die Gründerväter des EWS weitgehend ausgeschlossen. "Der Ecu", schrieb zum Beispiel das Bundesfinanzministerium 1979, "ist kein klassisches Zahlungsmittel, in Münzen oder Banknoten geprägt. Für den privaten oder geschäftlichen Zahlungsverkehr spielt der Ecu keine Rolle."

Das stimmt so nicht mehr. Zwar gibt es auch heute noch keine Ecu-Münzen oder -Geldscheine. Doch im Zahlungsverkehr zwischen Unternehmen und Banken entwickelt der Zwitter mehr und mehr den diskreten Charme einer "Devise ganz besonderer Art", so André Louw, Abteilungsleiter bei der Brüsseler EG-Kommission. Ob es sich um eine französische Unternehmung handelt, die ein Bankkonto in Ecu eröffnet und mit ihren Kunden und Lieferanten in Ecu abrechnet; ob es sich um einen multinationalen Konzern handelt, der im Verkehr mit den in verschiedenen Ländern verstreuten Tochterunternehmen den Ecu verwendet; ob es sich um eine amerikanische Bank handelt, die eine Anleihe in Ecu auflegt, oder um einen belgischen Zahnarzt, der Ecu-Obligationen für sein von einer Luxemburger Bank verwaltetes Wertpapierdepot kauft – der Ecu ist auf dem Vormarsch. Wie weit dieser Vormarsch schon ist, zeigt der Plan der vier großen französischen Banken: Banque Nationale de Paris, Crédit Lyonnais, Credit Agricole und Crédit Commercial de France, die in Kürze mit Unterstützung von American Express Reiseschecks in Ecu herausgeben wollen.

Nach der Verschärfung der Devisenkontrollen, durch die Auslandsreisen für viele Franzosen in diesem Jahr praktisch unmöglich geworden sind, hat sich die Verwirklichung dieses Projekts verzögert. Doch die Banken sind davon überzeugt, daß ihre Kunden Ecu-Reiseschecks auch noch später zu schätzen wissen, wenn der Dollar weiter steigt. Denn der Reiz des Ecu ist seine größere Wechselkursstabilität. Und den haben Banken und Unternehmen schon seit einiger Zeit entdeckt. Auf einem Kolloquium des Groupement pour la Cooperation Monetaire Européenne, einer 1982 von acht Banken – vier französische, eine italienische, eine englische, eine amerikanische und eine belgische – gegründeten Interessengemeinschaft, wurden vergangene Woche in Paris zum ersten Mal die Chancen des Ecu als "Währung ohne Zentralbank" diskutiert.

"Nach dem Dollar und der Mark", so Dominique Rambure, Devisenhändler und Wertpapierexperte bei Crédit Lyonnais in Paris, "ist der Ecu auf dem Devisenmarkt und im Handel mit Obligationen bereits zur dritten Devise aufgerückt." Auf zweihundert schätzt man bei der Brüsseler EG-Kommission die Zahl der Banken, Sparkassen und Finanzinstitute, die mit ihren Kunden bereits in Ecu verkehren. Auf zwanzig beziffert man die Zahl der Banken, die im Verkehr untereinander den eigentlichen Ecu-Markt repräsentieren. Das sind die Banken, die über den Reuters-Monitor-Dienst ihre An- und Verkaufskurse für Ecu und ihre Zinssätze für kurzfristige Ecu-Kredite bis zu zwölf Monaten bekanntgeben. "Die Banken", so Devisenhändler Rambure, "stellen den Kurs des Ecu fest wie den jeder anderen Devise, sie führen Ecu-Konten und transferieren Ecu, wie sie Dollar oder Mark transferieren."