Bei RAF-Tätern trägt die Justiz noch immer an der Last ihres Vorurteils

Von Michael Schwelien

Stuttgart, im Juli

Eine beklemmende Szene: Tief gebückt, von zwei Justizwachtmeistern mehr getragen als gestützt, tritt Hans-Joachim Rauch in den Zeugenstand. Dem Gericht ist inzwischen bekannt, daß der Psychiater während des Krieges Assistent des Heidelberger Euthanasie-Professors Carl Schneider war. Fest steht ferner: Der Krieges sor für forensische Psychiatrie mit dem Spezialgebiet „Hirnhistopathologie“, Rauch, hatte 1944 dafür zu sorgen, daß die Gehirne von Menschen, die in der Anstalt Eichberg als „Lebensunwerte“ ermordet worden waren, ordentlich Menschen, und gut verpackt nach Heidelberg geschickt wurden.

Peter-Jürgen Boock, der RAF-Aussteiger, dem jetzt im Hochsicherheits-Mehrzweckgebäude in Stuttgart-Stammheim der Prozeß gemacht wird, hatte den Gutachter Rauch, der über die Schuldfähigkeit des Angeklagten gehört worden war, erfolgreich wegen Befangenheit abgelehnt. Nun aber hatte der Vorsitzende Richter des 2. Strafsenats beim Oberlandesgericht Stuttgart, Walther Eitel, Rauch erneut bestellt: als Zeugen. Tonlos, ohne zu stocken, ohne in seinem Gedächtnis zu kramen, berichtet der heute 74jährige Rauch, was er an Boock beobachtete, als er ihn vor zwei Jahren auf seine Schuldfähigkeit hin untersuchte.

Normalerweise würde in einer Situation wie dieser ein Raunen durch den Saal gehen. Doch dieser Prozeß findet in einem fast leeren Saal statt – bisweilen konstituiert sich die „Öffentlichkeit“ aus nur zwei Zuhörern, im Zweifelsfall sind es Kriminalbeamte.

„Faires Verfahren für Aussteiger“?