Von Marion Gräfin Dönhoff

Kein Thema beschäftigt uns heute so intensiv wie das Problem des Widerstandes, die Frage also: Wie läßt sich Widerstand definieren, und wann eigentlich ist er berechtigt? Jemand, der kürzlich den Film über die Geschwister Scholl gesehen hatte, die 1943 zusammen mit anderen Studenten in München hingerichtet worden sind, erklärte, daß heute Ulrike Meinhof, wie damals Sophie Scholl, eine "Identifikationsfigur von moralischer Rigorosität" sei. Ihr Beispiel wirke ermutigend für jene, die voller Mißtrauen gegen den derzeitigen Staat sind. Als ob moralische Rigorosität das Entscheidende wäre!

An moralischer Rigorosität hat es wahrlich zu keiner Zeit gefehlt – von der Inquisition bis zum Volksgerichtshof. Auch jener Sekten-Stifter, der vor ein paar Jahren im Urwald von Guayana 912 gläubige Anhänger veranlaßte, Selbstmord zu begehen, verfügte über ein beachtliches Quantum an Rigorosität, die moralisch zu nennen, er und seine Jünger sicher nicht angestanden hätten. Nicht der Grad der Rigorosität ist entscheidend, sondern die Frage: Wann ist Widerstand die angemessene Haltung?

Im Fall der Geschwister Scholl und der Leute vom 20. Juli – einem Datum, das sich in dieser Woche zum 39. Male jährt – handelte es sich um den Versuch, dem von oben verordneten Unrecht Einhalt zu gebieten. Bei Ulrike Meinhof dagegen ging es um etwas ganz anderes. Sie lebte in einem funktionierenden Rechtsstaat, und ihr "Widerstand" war nicht auf Wiederherstellung von Rechtsverletzungen durch den Staat gerichtet – wie es der Artikel 20 unseres Grundgesetzes vorsieht –, sondern auf Etablierung eigener Willkür. Sie konnte sich bei ihren Gewalttaten nicht auf ein Widerstandsrecht berufen. Die Leute, die individuellen Terror praktizieren, Politiker entführen, Bomben legen, Geiseln festsetzen, haben nichts gemein mit den Studenten von 1943, die in einem Unrechtsstaat lebten und ihr Leben einsetzten, um die Grundrechte wiederherzustellen.

Die Münchener Studenten hatten zum passiven Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufgerufen. Auf den Flugblättern, die sie nachts in den Straßen und schließlich am Tage in der Universität verstreuten, hieß es: "Verbergt nicht Eure Feigheit unter dem Mantel der Klugheit. Denn mit jedem Tag, da ihr noch zögert, da ihr dieser Ausgeburt der Hölle nicht widersteht, wächst Eure Schuld gleich einer parabolischen Kurve höher und immer höher."

Es war nicht so sehr der politische Kampf gegen eine verbrecherische Regierung, der sie inspirierte, es war mehr das moralische Ringen mit dem Bösen schlechthin, zu dem ihr Gewissen sie trieb. Und nicht nur sie, sondern auch all jene – Zivilisten und Militärs –, die nach dem 20. Juli 1944 ihr Leben verloren. Sie hatten sich zum Widerstand gegen Hitler entschlossen, nicht erst 1944, als man klar erkennen konnte, daß der Krieg verloren war, sondern viele von ihnen schon Jahre zuvor, weil sie den Verbrechen, die im deutschen Namen begangen wurden, ein Ende setzen wollten.

Generaloberst Ludwig Beck, Chef des Generalstabs, hatte schon im Sommer 1938, als immer deutlicher wurde, daß Hitler plante, die Tschechoslowakei zu überfallen, die Generäle zusammengerufen, um sie zu einem gemeinsamen Schritt bei Hitler zu bewegen und wenn notwendig geschlossen zurückzutreten. Damals erklärte er: "Ihr soldatischer Gehorsam hat dort eine Grenze, wo Ihr Wissen, Ihr Gewissen und Ihre Verantwortung die Ausführung eines Befehls verbietet."