Leutwiler hat Brasilien und Weltwährungsfonds kompromißbereit gemacht

Eine Woche lang haben alle, die eine Finanzkatastrophe weltweiten Ausmaßes verhindern wollen, auf ihn geblickt – auf Fritz Leutwiler, den 59jährigen Präsidenten der Schweizer Nationalbank und Präsident der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Als Chef der BIZ hatte er am 15. Juli zu entscheiden, wie er sich verhalten soll, wenn Brasilien die an diesem Tag fällige Schuld von 400 Millionen Dollar nicht zurückzahlt. Sollte er weiter stunden oder die Summe „fällig stellen“, d. h. Brasilien für zahlungsunfähig erklären?

Der Pragmatiker Leutwiler entschied sich mutig für einen dritten Weg. Er hat offiziell keinen weiteren Zahlungsaufschub gewährt, aber auch darauf verzichtet, Brasilien für zahlungsunfähig zu erklären. Es war de facto eine informelle Verlängerung bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Internationale Währungsfonds die seit Mai zurückgehaltene Rate eines Fünf-Milliarden-Dollar-Kredits an Brasilien auszahlt – es geht um 411 Millionen Dollar. Der Währungsfonds hatte sich bisher geweigert, das Geld lockerzumachen, weil Brasilien bei der Inflationsbekämpfung und beim Kürzen der Staatsausgaben die Stabilisierungsauflagen des Fonds nicht eingehalten hatte. In den Verhandlungen über einen Kompromiß waren Brasilien und der Währungsfonds nicht sehr viel weiter gekommen.

Der massive Druck, unter den sich beide Seiten durch Leutwiler gesetzt fühlten, wirkte in der aufgeregten Situation Wunder. Der brasilianische Staatspräsident Figueiredo hat noch vor seiner Abreise zu einer Herzoperation nach Cleveland in Ohio drastische Maßnahmen gegen die galoppierende Inflation verkündet. Der Verhandlungsführer Wiesner vom Internationalen Währungsfonds ließ Befriedigung und die Bereitschaft zum Abschluß eines neuen Abkommens erkennen. Schon am Montag, dem 18. Juli, ist es unterzeichnet worden. Nun werden wegen der technischen Abwicklung noch einmal zwei Wochen verstreichen, ehe der Fonds die Tranche von 411 Millionen Dollar an Brasilien zahlt. Dann steht der Schuldentilgung bei der BIZ nichts mehr im Wege.

Damit ist durch Festigkeit, von einer geschickten Überzeugungstherapie Leutwilers begleitet, eine Lösung gefunden worden, die den Interessen aller Beteiligten gerecht wird. Der Währungsfonds konnte sein Sanierungsprogramm zur Eindämmung der Inflation mit dreistelligen Jahresraten (125 Prozent in diesem Jahr) durchsetzen. Brasiliens Wirtschaft wird auf einen gesünderen Kurs gesetzt, der wenigstens hoffen läßt, daß das mit neunzig Milliarden Dollar am höchsten verschuldete Land dereinst seine Zinsen und Tilgungen aus eigener Kraft aufbringen kann. Die BIZ, die als Agent mehrerer Zentralbanken in Europa und Amerika für eine Überbrückungshilfe von insgesamt 1,45 Millionen Dollar jene besagten 400 Millionen Dollar hergeliehen hatte, bekommt ihr Geld in angemessener Zeit zurück. Und die Geschäftsbanken der westlichen Welt, allen voran die US-amerikanischen, sind in ihren gewagten Hoffnungen auf das Zusammenspiel zwischen Regierungen der Schuldnerländer, Zentralbanken, BIZ und Währungsfonds fürs erste nicht enttäuscht worden.

Diesen Erfolg darf Leutwiler für sich verbuchen. Wäre ihm der gute Ausgang diesmal nicht gelungen, wären auch alle künftigen Überbrückungsoperationen ins Zwielicht geraten, bei denen einem überschuldeten Land der Rettungsring kurzfristiger Kredite hingeworfen wird, damit es auf die Intensivstation des Währungsfonds gebracht werden kann. Die Autorität Leutwilers, in der Schweiz seit jeher unumstritten, wird auch international jetzt noch zunehmen. Unabhängige Männer wie er sind selten. Die BIZ, die „Bank der Zentralbanken“ in Basel, kann sich keinen kompetenteren Sachwalter ihrer Interessen wünschen.

Wie alles auf dieser Welt, ist auch das neue Abkommen zwischen Brasilien und dem Währungsfonds gefährdet. Kurzfristig kann ein Generalstreik in Brasilien, mit dem die Gewerkschaften als Antwort auf das Stabilisierungspaket drohen, den mühsam ausgehandelten Kompromiß wieder zunichte machen. Längerfristig hängt die Rettung Brasiliens aus seiner Schuldenmisere davon ab, daß der Koniunkturmotor in den USA anspringt, der Welthandel Auftrieb bekommt und so auch Brasilien die Chance erhält, seine Schulden mit Geldern zurückzuzahlen, die es auf Exportmärkten verdient. Auf all das hat Leutwiler freilich keinen Einfluß. Rudolf Herlt