Von Hartmut v. Hentig

Wenn man dereinst die Geschichte der deutschen Pädagogik im 20. Jahrhundert schreibt, wird der Name Heinrich Roth darin eine bedeutende und buchstäblich entscheidende Rolle spielen. Man wird sich auch dann noch nicht einig sein, wie die Bewegungen, die er mit ausgelöst hat, zu beurteilen sind. Man wird sich dabei weiterhin – und auf beiden Seiten der Auseinandersetzung – an die mit seinem Namen verbundenen Leit- und Streitsätze halten und die Gründe für ihre Wirkung mehr in ihrer bildungspolitischen und weltgeschichtlichen Opportunität, als in der Autorität und Authentizität seines wissenschaftlichen Werkes suchen. Aber niemand wird ihm seinen Rang bestreiten, jene eigentümliche Schlüsselposition, die in einer Disziplin immer nur ganz wenigen zufällt – in der Pädagogik zu meiner Lebzeit dem Juristen Hellmut Becker, dem Philosophen Georg Picht und dem Psychologen Heinrich Roth.

Am 7. Juli ist Heinrich Roth im Alter von 77 Jahren an einem ihn seit vielen Jahren bedrängenden und beengenden Herzleiden gestorben.

Von 1963 bis 1968 war ich sein Göttinger Amtskollege – in der Reform von Schule und Studium sein Bundesgenosse, in der Erziehungswissenschaft sein Schüler, in der geistigen Ausrüstung sein von ihm gewählter und gewollter Widerpart: Er war empirischer Sozialwissenschaftler, ich Altphilologe; er kam von der Volksschullehrerbildung, ich vom Gymnasium; er dachte gewerkschaftlich, ich streng republikanisch. Uns einte der Wille zur Aufklärung, das Mißtrauen gegen die Restauration seit 1945 und der Wunsch, mit unserer Arbeit den Schulen praktisch zu helfen, und ein, aus verschiedener Lebenserfahrung gespeistes, gemeinsames Pflichtgefühl gegenüber dem sozial Schwächeren, dem unschuldig Benachteiligten. Um dieser Gemeinsamkeiten willen schreibe ich hier.

Seit die wirtschaftliche Konjunktur vorbei ist, seit der proklamierte kollektive „Aufstieg durch Bildung“ auf den Sandbänken der Massenarbeitslosigkeit, des Ausbildungsplatzmangels, des Numerus clausus endet, seit die Gesamtschule die Effekte ihrer organisatorischen Neuheit verbraucht hat und auf eine – gewerkschaftlich nicht aufzubringende -pädagogische Mehrarbeit angewiesen ist, seit die Reform also keine Wunder mehr tut und darum für „gescheitert“ erklärt wird, ist Heinrich Roths Rat nicht mehr sehr gefragt gewesen.

Ihm die Schuld für „die ganze Reform-Misere“ anzuhängen, war er dagegen trefflich geeignet: Seine Mahnungen waren klar und stetig, zudem in Standardwerken gedruckt und konnten als Ursache dingfest gemacht werden. Was jetzt sowohl Schwierigkeiten hatte als auch machte, mußte von Anbeginn falsch gewesen sein, die Folge verkehrter Ansicht und verdächtiger Absicht und nicht etwa die Folge ungeübter, ungeduldiger, halbherziger Handhabung.

Verblendung war also die „Bildungsexpansion“; Hybris die These, der Mensch werde begabt; unwahr die Behauptung von der schichtenspezifischen Selektion des alten Gymnasiums; falsch die Forderung, die Bildung der säkularen öffentlichen Schule habe sich an dem zu orientieren, was wissenschaftlicher Prüfung standhält (und nicht an volkstümlicher Überlieferung, an wohlmeinenden Weltanschauungen, an dem, was die jeweiligen Kultur-Obrigkeiten oder Erziehungs-Mächte für „pädagogisch bekömmlich“ halten) – und daß dies möglich gemacht werden könne, auch ohne die Forderung nach der Altersgemäßheit der Bildungsschritte zu mißachten; ja frevelhaft die Erwartung, daß alle jungen Menschen (nicht nur die, die sich auf akademische Berufe vorbereiten) lernen sollten, ihre Wahrnehmungen, Erkenntnisse, Urteile und Überzeugungen methodisch zu prüfen – eine alte sokratische Tugend, die die moderne Wissenschaft zum allgemeinen Prinzip erhoben hat.