Amerika, du hast es besser", sagte sehnsuchtsvoll-neidisch der Geheimbderat von Weimar; nun wird es Goethen in Amerika schlechter gehen – nicht dem Dichter, aber der Kulturorganisation, die seinen Namen trägt.

Es war der deutsche Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll, der schon vor geraumer Zeit seine Bereitschaft aufkündigte, sein Land in Zusammenarbeit mit öffentlichen Mittlerorganisationen zu vertreten – Angriffe in der "heimatlichen" Presse und Querschüsse auch so mancher Beamter hatten ihn mürbe gemacht: Wo immer Böll im Ausland aufgetreten war, hatte er große Auditorien interessiert. Noch jüngst war eine von Renate Möhrmann (Universität Köln) veranstaltete Woche mit Vorführungen von Boll-Verfilmungen für das verwöhnte New York ein Sensationserfolg gewesen.

Jetzt ist Günter Grass dran. Zwar ist er der in Amerika bekannteste deutsche Gegenwartsautor, seine Lesungen, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen sind überfüllt; vor der New School for Social Research drängten sich im März 1983 mehr als dreitausend Menschen zu einem Gespräch über "Die Verantwortung des Schriftstellers in einer gefährdeten Welt", nur tausend fanden Einlaß. Grass, kein Radikaler und schon zu Apo-Zeiten eher ein "Abwiegler", spätestens während der Terroristen-Welle ein differenzierter Dolmetsch der deutschen Situation und emphatischer Gegner platter Vergleiche (à la "SS-Staat BRD"), ist nicht nur als Romancier hochgerühmt, sondern auch als engagierter Citoyen einer, der sich gleichzeitig Patriot zu nennen wagt; ob in Peking, Nicaragua oder New York. Sein Engagement gegen die Nachrüstung ist so militant wie etwa das der katholischen Bischöfe in USA oder bezieht sein genuines Recht aus einer Leistung, wie es sich Leonard Bernstein nimmt, wenn er – unter der organisatorischen Leitung von Senator Edward Kennedy – im Herbst dieses Jahres in Massachusetts ein Konzert für alle Gegner des atomaren Wettrüstens gibt. Der Logik gewisser deutscher Zeitungen und ängstlicher Kulturbeamter folgend, sollten die Amerikahäuser seine Platten einziehen. Denn anderes tat auch Grass – etwa in Gent – nicht, als er die Politiker angriff, die sich für die Nachrüstung einsetzten.

Das wurde nicht nur als anstößig gebrandmarkt in der Welt, worüber man beruhigt weiterschlafen könnte. Das, wenn alle Anzeichen nicht trügen, führte auch zu "Anstoß’-Debatten in der Spitze der Goethe-Organisation. Man hört ein Flügelschlagen, als sei der Fuchs im Hühnerstall.

Vielleicht darf da doch einmal nachgedacht werden; etwa in dem Sinne, wie es aus gegebenem Anlaß der moderate Peter Wapnewski tat, seines Zeichens Vizepräsident des Goethe-Instituts: Jedes Kunstwerk, wenn irgend es eines ist, ist prinzipiell Provokation, ist prinzipiell Beunruhigung, ist prinzipiell etwas, was in Bewegung setzen will."

Nun ist die Rede von Schlöndorff, ein Statement von Beuys, ein Referat Hans Werner Henzes oder eben eine Diskussion zwischen Joyce Carol Oates und Günter Grass nicht eo ipso ein "Kunstwerk" – vielleicht blasser, sicherlich konturenloser, möglicherweise schnippisch. Dennoch: hinter solchen Äußerungen steht immer auch das Werk; beides auseinanderzudefinieren verrät den Bildungsbegriff, mit dem man den Autor der "Buddenbrooks" lobte, aber sein Pamphlet "Bruder Hitler" tadelte, die "Relativitätstheorie" bejubelte, aber ihren Erfinder einen "Pazifisten" schalt, des Stückeschreibers Szenen "Furcht und Elend des Dritten Reiches" pries, aber seine gleichzeitige Rede auf dem Pariser (Exil-)Schriftstellerkongreß ignorierte. Heinrich Manns Bücher waren eben nicht von Marlenes Beinen geschrieben, sondern mit dem Geist und der Courage eines radikalen Demokraten.

Das Verdienst der Goethe-Häuser und vieler ihrer Leiter – Graf Raczynski in Paris und Marschall von Bieberstein in Rom, Curt Meyer-Clason in Lissabon, Christoph-Ulrich Wecker in New York und Kathinka Dittrich in Amsterdam – war und ist es, diesen Kulturbegriff, einen offenen, kämpferischen, kritischen promoviert zu haben. Das Goethe-Institut, dessen Präsident Klaus von Bismarck ja als langjähriger Intendant des WDR bewiesen hat, wie Liberalität auch das heikle Pflänzchen Kunst zum Blühen bringen kann, wäre gut beraten, sich da von Bangemacnern nicht irre machen zu lassen. Kurt Ziesel, nein danke.

Es sei denn, der Muff soll nun die deutsche Duftnote im Ausland werden und Heino statt Heine die Erkennungsmelodie. Das Sofa als Barrikade; von dort kann scharf geschossen werden. Mit Gummibärchen. Die Revolution findet nur mehr in der Damenoberbekleidung statt und die Kultur als Freizeitkultur. Fritz J. Raddatz