Von Gerhard Prause

Nahezu zweitausend Briefe enthält die neunzehnbändige Friedrichsruher Ausgabe von „Bismarcks Gesammelten Werken“. Bei den 1971 teils recht langen Stücken handelt es sich nach dem Willen der Herausgeber nur um solche, „denen der Charakter des Privatbriefes zukommt“. Jetzt, ein halbes Jahrhundert später, taucht ein weiterer Privatbrief auf, bisher unveröffentlicht, ein verhältnismäßig kurzes, rasch aufs Papier geworfenes Schreiben, eigenhändig auch die Adresse auf dem zierlichen, nur 15 mal 9 Zentimeter großen, ursprünglich versiegelten Umschlag: „Sr. Hochwürden dem Herrn Pastor Moritz Lauenstein Altenwerder a. d. Elbe Königreich Hannover“. Er enthält – und das gibt ihm neben den vielen bekannten Bismarck-Briefen besondere Bedeutung – die Antwort des Neunundvierzigjährigen auf eine zentrale Lebensfrage, auf die Frage, ob er glücklich sei.

Der sie gestellt hatte, der Pastor Moritz Lauenstein in Altenwerder an der Elbe bei Harburg, war ein ehemaliger Kommilitone und Corpsbruder Otto von Bismarcks. Gut drei Jahrzehnte lag es nun zurück, daß Bismarck und Lauenstein in Göttingen studiert und die rote Mütze des Corps Hannovera, einer schlagenden Verbindung, getragen hatten. Der Jurastudent Bismarck, der mit siebzehn Jahren auf die Universität gekommen war, hatte allein im ersten Semester fünfundzwanzig Mensuren ausgefochten. Seine juristische Laufbahn, die nach dem Wunsch der Mutter in ein gesichertes Beamtendasein führen sollte, aber verscherzte sich der „tolle Bismarck“, der in Frack und modischen Hemden auch gern in Feinschmeckerlokalen und noch lieber an Spieltischen saß und sich – wie er einmal gestand – von Zeit zu Zeit seiner „alten Freundin, der Flasche“, widmet; als Gerichtsreferendar in Aachen dehnte er einen vierzehntägigen Urlaub eigenmächtig auf mehrere Monate aus.

Der Grund für diese Pflichtvergessenheit lag nicht in seiner unübersehbaren Faulheit, die ihm von seinen Vorgesetzten in Potsdam amtlich bestätigt wurde („Wenn es dem Herrn von Bismarck gelingt, seine persönliche Faulheit zu überwinden, dann ist er zu allen hohen Staatsämtern fähig“), der Grund war die schöne Isabella Lorraine aus England, in die Bismarck sich verliebt hatte. Sie reiste mit ihren Eltern durch Deutschland, und der Referendar, der sie unbedingt heiraten wollte, sie bereits als seine Verlobte ansah und ihre Eltern in seinen Briefen, als „meine Angehörigen“ bezeichnete, folgte ihr über Frankfurt, Wiesbaden, Straßburg, Basel in die Schweiz, bis ihm schließlich – so berichtete er einem Freund – „die Prise von einem einarmigen Obristen mit 50 Jahren, vier Pferden und 15 000 Reichstalern Revenuen abgejagt“ wurde.

Doch hatte Bismarck nicht nur seine „Verlobte“ eingebüßt, sondern zugleich viel Geld. Seinem „theuersten Freund“ Savigny gestand er: „Ich habe leider in Wiesbaden exorbitant viel verspielt, über 1700 Taler, die zu andern Zwecken bestimmt waren...“ Als sich Bismarck, endlich wieder zur Vernunft gekommen, von Bern aus schriftlich bei seiner Dienststelle in Aachen meldete, wurde ihm geantwortet, daß man auf seine Dienste verzichte, und so zog er sich, verdrossen und verschuldet, auf sein Gut Kniephof zurück, um da als Landwirt zu leben, allerdings keineswegs geruhsam, sondern immer noch als der „tolle Bismarck“, wie er jetzt von den Nachbarn genannt wurde.