Herausragend

„Party Girl“ von Nicholas Ray. Einer seiner schönsten Filme in Wiederaufführung (früher hieß er bei uns „Mädchen aus der Unterwelt“, 1958). Die Story von Hawks’ „Scarface“ und das Thema von Rays „The Lusty Men“ und „Johnny Guitar“ im Stil eines Minnelli-Musicals. Autoritätskonflikte zwischen Männern und Polarisierung der Geschlechterrollen vor dem Hintergrund einer Gangstergeschichte im Chicago der dreißiger Jahre. Zwei, die sich prostituieren: ein gehbehinderter Anwalt (Robert Taylor), Rechtsberater eines Mafiabosses (Lee J. Cobb), und eine „Tänzerin“ aus einem Tingeltangel-Club (Cyd Charisse). Beide versuchen, der doppelten Drohung von Einsamkeit und Unterwerfung zu entkommen in einer Beziehung, die von verletztem Stolz und gegenseitiger Abwehr zum Vertrauen führt, vom Zynismus zur Zärtlichkeit. Erotik und Gewalt, Liebe und Tanz und die Hoffnung, die physische und moralische Verkrüppelung heilen und wieder lieben zu können. Mit seiner magischen; fast surrealen Präsenz der Farben, seiner Choreographie der Blicke, Bewegungen und Gesten ist „Party Girl“ trotz aller Hollywood-Archetypen ein „unwirklicher“ Film – über die Wahrheit der Gefühle: eine Rhapsodie in Rot (dem Rot des Blutes, der Kleider, der Rosen, dem Rot der Gefahr und der Liebe) von fieberhafter Schönheit, ein Liebes-Poem von leidenschaftlichem Lyrismus. Helmut W. Banz

Sehenswert

„Der Bienenkorb“ von Mario Camus zeigt in den matten Brauntönen überkrusteter alter Ölgemälde „Geschichten aus dem Viertel“. Spanien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Das Kaffeehaus ist der Nabel dieser kleinbürgerlichen Welt; hier laufen alle Episoden des personenreichen Porträts einer überlebten Gesellschaft zusammen. An den weißen Marmortischen verbringen sie ihre Tage – der genialische Literat, der für einen Milchkaffee, zum speichelleckenden Schnorrer wird, der verlotterte Student und die klatschsüchtigen Hausfrauen. Von hier aus bricht der heruntergekommene Schriftsteller zu seinen Streifzügen durch die Stadt auf, bevor er im Bett einer Hure unterkriecht, hier macht der listenreiche Don Leonardo seine dubiosen Geschäfte mit gebrauchten Gebissen und selbstgekochter Seife. Die Verfilmung des 1951 erschienenen Romans von Camilo José Cela, Gewinner des diesjährigen Goldenen Bären von Berlin, zeichnet in feinziselierten Genrebildchen eine bürgerlich-literarische Halbwelt, die sich in dumpfer Erstarrung – Ursache und Folge politischer Unfreiheit – aus dem Leben zurückgezogen hat. Die Dichter berauschen sich am zukünftigen Ruhm und die Bürger wärmen sich an der Liebe, der käuflichen zumeist, und kommen auf dem schlüpfrigen Boden doppelter Moral leicht ins Rutschen: Die wohlerzogene Tochter begegnet im Treppenhaus der Absteige dem Vater, sie hat gerade dort ihren Verlobten getroffen und er ist auf dem Wege zu seiner Geliebten – am Abend belauern sich die beiden dann ängstlich am Familientisch. Am Ende entdeckt der Dichter, daß die Marmorplatten der Tische die umgedrehten Grabplatten geplünderter Friedhöfe sind. Diese Kaffeehausgesellschaft hält ihre Schwätzchen über den Mementi Mori längst vergessener Toter – selbst schon in politischer Wirkungslosigkeit erstorben und ohne Zukunft.

Lina Schneider

Angestrengt

„Der Kleine“ von Klaus Lemke heißt Markus, ist sechzehn und eine veritable Unschuld vom Lande, die in der Großstadt München völlig überfordert ist. Der große Bruder, auf dessen Hilfe der Kleine fest gezählt hatte, ist mit Zocken, Luxus-Callgirls und halb bis ganz kriminellen Geschäften voll ausgelastet. In der Hotelküche, in der der Kleine lernen soll, regiert eine Gang, die statt des Kochlöffels Fahrradketten schwingt und nach Feierabend die weißen Kochmützen mit schwarzem Rocker-Dreß vertauscht. Mit Gewalt, das wird deutlich, wollte der Münchner Klaus Lemke mal wieder eine „richtige Kinogeschichte“ drehen, wie einst zu seinen Anfängen („48 Stunden bis Acapulco“, 1967). Den „Hexenkessel“ Großstadt wollte er zeigen, das Chaos einer Welt, in der „ein Mann tun muß, was er muß“ (sagt der große Bruder, dargestellt von Michael Lampert). Der finstere Asphaltdschungel ist Lemke freilich eher zu einem Sonntagnachmittag im Englischen Garten geraten. Zwar legen zwei Westentaschen-Mafiosi den großen Bruder Leichtfuß um, zwar rächt der Kleine dessen Tod mit rauchendem Colt, doch macht eine nostalgische Macho-Haltung aus Schwabing noch lange nicht das Hollywood der vierziger Jahre. Immerhin, nach allzu vielen, allzu albernen, dafür aber erfolgreichen Improvisations-Komödien scheint Klaus Lemke entschlossen, sich wieder in Richtung ernsthaftes Kino zu bewegen. Wenn er sich neben den Erfahrungen, die er im Umgang mit Laiendarstellern aus der Szene gesammelt hat, auch noch auf die Kraft der Bilder jener Filme besinnen würde, die er gerne zitiert, könnte sein nächster Film sehr spannend werden.