Als Werner Kuhn vor nunmehr acht Jahren in der Wiener Staatsoper unmittelbar nach dem Schlußakt des Lohengrin und in die Stille vor dem losbrechenden Applaus „Elvis!“ gebrüllt hatte, war das noch eine kleine Sensation, etwas anderes wäre es gewesen, wenn Werner zum Beispiel „Karajan!“ gerufen hätte. Inzwischen haben wir uns an demonstratives Aufstoßen in der Oper gewöhnen müssen, Weißbrotkrümel und Rotweinflecken zieren das Gestühl der Theatersäle, durch lärmendes Gelächter und johlenden Szenenapplaus wird uns mittlerweile jeder zweite Kinobesuch restlos verleidet, die Politiker sitzen mit Rauschebärten im Parlament, kratzen sich vor den Fernsehkameras an der Hose und bringen, was das Schlimmste ist, ihre eigenen Blumenstöcke mit in die Abgeordnetenbänke, ganz zu schweigen von der Regierung, das ganze Land ein Kindergarten.

Mit diesen Primitivlingen, mit solchen freiwilligen Primitivlingen habe ich nie etwas am Hut gehabt, sagt der Wagnerianer Werner Kuhn, und auch als ich vor acht Jahren in der Wiener Staatsoper „Elvis!“ gebrüllt habe, war das eine Art Botschaft und kann beim besten Willen nicht mit den heute gängigen Kindereien unter einen Hut gebracht werden, so Werner weiter. Zuerst hatte Werner Kuhn überhaupt keinen Draht zur Musik gehabt, wie man so sagt, ich war reiner Kunstliebhaber, sagt der heutige Wagnerianer selbstbewußt, Kunstliebhaber und also Salvador-Dali-Liebhaber, fünfmal bin ich nach Spanien gepilgert, fünfmal zu Salvador Dali, und fünfmal habe ich mir von dem Künstler erzählen lassen, wie er in den vierziger Jahren, also lange bevor wir auf der Welt waren, sagt der damalige Dali- und heutige Elvis-Fan Werner Kuhn, fünfmal habe ich mir von dem Künstler erzählen lassen, wie er in den vierziger Jahren angefangen hat, diese auffallend dürren Elefantenbeine zu malen.

Dalis Elefantenbeine waren es auch gewesen, welche unseren Freund 1972 schlagartig zum Salvador-Dali-Fan gemacht hatten, erst die Elefantenbeine, dann die weichen Uhren, sagt Werner, bis ich eines Tages im Poster-Shop, und wir erinnern uns alle an die Poster-Shops der frühen siebziger Jahre, wir brauchen nur an die siebziger Jahre zu denken, und schon fallen uns die Poster-Shops ein, aber zurück zu Werner, der sagt, bis ich dann eines Tages im Poster-Shop zum erstenmal Elvis hörte. Eigentlich war ich nur in den Poster-Shop gegangen, um mir ein neues Weiche-Uhren-Poster zu kaufen, ihr ahnt ja nicht, wie viele Weiche-Uhren-Poster es gibt, aber dann kam über die kleinen Lautsprecher im Laden plötzlich diese Elvis-Musik, In The Ghetto hieß das Lied, und Werner Kuhn kann es heute noch auswendig singen, on a cold and grey Chicago morning a poor little baby child is born in the ghetto an her mama cries.

Werner ging schnurstracks in den nächsten Plattenladen und nagelte dann zu Hause das neue Weiche-Uhren-Poster zu den Klängen von In The Ghetto an die Wand. So war ich von jetzt auf gleich vom reinen Kunstliebhaber zusätzlich zum Musikliebhaber geworden, sagt Werner Kuhn, zur Dreifaltigkeit Dali-Elvis-Wagner ist es dann aber erst 1975 gekommen, als mich ein Homosexueller in Wien mit in die Oper schleppte, so der Kunstliebhaber, der bis dahin immer gesagt hatte, wenn Musik, dann nur die Elvis’sche. Wie vor den Kopf geschlagen habe ich der Aufführung des Lohengrin beigewohnt, nach dem Schlußtakt begeistert „Elvis!“ gebrüllt und mich in der folgenden Nacht erstmals der homosexuellen Liebe hingegeben, bekennt Werner Kuhn. Als überzeugter Wagnerianer hat er Wien vier Tage später wieder verlassen. Heute gibt es fast nichts, was Werner Kuhn nicht über Wagner weiß. Er besitzt dreihundert Schallplatten von seinem Idol und schmökert jeden Tag mindestens zwei Stunden in Fachbüchern über Wagner. Von den anderen beiden großen Deutschen, deren Jubiläen ebenfalls in diesem Jahr gefeiert werden, hält unser Freund verhältnismäßig wenig. Marx und Luther zusammen können Wagner nicht das Wasser reichen, sagt der Dali-, Elvis- und Wagner-Fan, geh mir weg mit Marx, das ist der Schnee von gestern, dann schon lieber Luther. Thomas Meinecke