/ Von Günter Deister

Mehr als 80 000 Zuschauer drängen sich im Ellis-Park-Stadion von Johannesburg beim Fußball-Pokalfinale. Die meisten von ihnen sind Schwarze; nur auf den teuersten Plätzen sitzen einige hundert Weiße. Vor dem Endspiel der „Kaizer Chiefs“ gegen die „African Wanderers“, in deren Reihen jeweils neun Schwarze und zwei Weiße spielen, sorgen zwei Schüler-Mannschaften aus Johannesburg und Soweto für Kurzweil. So sehr die kleinen Ballkünstler aus der Vorstadt der Schwarzen zaubern und tricksen, am Ende haben die Weißen 3:0 gewonnen – zur Enttäuschung der Mehrheit eines Publikums, das jeden gelungenen Spielzug des Soweto-Teams mit lautem Entzücken begleitet.

In den Bildern dieses südafrikanischen Sporttages, im Spannungsfeld von Mehrheit und Minderheit, Gegeneinander und Miteinander, spiegelt sich der Zustand einer durch eine 30jährige Apartheid-Politik deformierten Gesellschaft. Noch überwiegt im Verhältnis zwischen den 4,5 Millionen Weißen und der stimmlosen, unterdrückten Mehrheit der 20 Millionen Schwarzen, 2,5 Millionen Mischlinge und eine Million Asiaten das Trennende. Doch werden Gemeinsamkeiten sichtbar, und der Sport wirkt als Bindeglied.

Südafrika ist ein Musterbeispiel für die Verwicklungen zwischen Politik und Sport. Bis Anfang der 70er Jahre benutzte die herrschende weiße Minderheit den Sport als Mittel zur Festigung ihrer Politik der Rassentrennung. 1956 erließ der Sportminister ein Gesetz, wonach sich der Sport der getrennten Entwicklung der Rassen unterzuordnen habe. Die Regeln dafür legte die Regierung 1963 fest: Weißen und Nichtweißen wurde strikt untersagt, miteinander Sport zu treiben. Gemischte Auswahl-Mannschaften waren verboten; jede Rasse hatte ihren eigenen Sportverband. Nur weiße Sportler durften Südafrika international repräsentieren. 1965 wurden „Südafrikanische Spiele“ geschaffen, getrennt für Weiße und Schwarze.

Als 1968 der südafrikanische Ministerpräsident John Vorster eine geplante Wettspielreise der britischen Cricket-Auswahl nach Südafrika verhinderte, weil die Briten den Gastgebern die Ungeheuerlichkeit zugemutet hatten, mit Basil d’Oliveira auch einen Spieler nichtweißer Hautfarbe entsenden zu wollen, erregte das weltweit Aufsehen. Der Fall d’Oliveira beschleunigte die Isolation des südafrikanischen Sports. 1970 entzog das Internationale Olympische Komitee (IOC) dem Nationalen Komitee (NOK) von Südafrika die Anerkennung, und die meisten internationalen Sportverbände folgten diesem Schritt.

Boykotte und Sanktionen häuften sich. Die UNO schaltete sich ein und setzte jeden Sportler auf eine schwarze Liste, der in Südafrika oder gegen einen Südafrikaner antrat; darunter waren der deutsche Golf-Profi Bernhard Langer und der österreichische Automobil-Rennfahrer Niki Lauda. Auf der Liste stehen inzwischen 200 Namen. Der Höhepunkt der Auseinandersetzungen wurde 1976 erreicht, als 30 afrikanische und asiatische Länder die Olympischen Spiele in Montreal boykottierten. Sie reagierten damit auf die Weigerung des IOC, Neuseeland von der Olympia-Teilnahme auszuschließen, dessen Regierung sich Monate zuvor einer Rugby-Tour des südafrikanischen Springbock-Teams durch das Land nicht widersetzt hatte.