Von Sven Papcke

Was Karl Marx oder auch Eduard Bernstein nie machten – um von anderen „Arbeiterdenkern“ ganz zu schweigen –, nämlich in einem Industrierevier die Lebensumstände derjenigen Sozialgruppen hautnah mitzuerleben, deren Geschicke sie großmütig verplanten: das hatte sich der Schriftsteller Orwell im Frühjahr 1936 vorgenommen. „Es ist eine Art Pflicht“, so kommentiert er, „solche Orte hin und wieder zu sehen und zu riechen, vor allem zu riechen, damit man nicht vergißt, daß es sie gibt“. Nach zwei Monaten im Armen- und Arbeitermilieu beschließt er, wieder zu gehen. „Es war nicht nur der Schmutz, der Gestank, das minderwertige Essen, sondern das Gefühl, in eine unterirdische Welt geraten zu sein, in der die Menschen herumkrabbeln wie Küchenschaben in einem ewigen Durcheinander schäbiger Arbeit und alltäglicher Sorgen“:

George Orwell: „Der Weg nach Wigan Pier“; Diogenes Verlag, Zürich 1982; 233 S., DM 9,80.

Orwells Erfahrungsbericht liegt nun endlich in deutscher Übersetzung vor. Er gleicht einer Tauchfahrt in einen Sud aus Not und Hoffnungslosigkeit. Ein Jahrzehnt nach dem großen Generalstreik von 1926, dessen Niederlage die englische Arbeiterbewegung weit zurückwarf, herrschte in den Grafschaften Lancaster und York, die Orwell aufsuchte, schiere Trostlosigkeit. Das Buch, zeichnet eine soziale Wirklichkeit, die sich in „labyrinthischen Slums und dunklen, nach hinten gelegenen Küchen mit ungesunden, schnell alternden Menschen“ abspielt. Obschon Massenschicksal, entzog sich diese Realität aber weitgehend dem öffentlichen Bewußtsein. Orwell interpretierte die Wahrnehmungsblockade seiner Zeitgenossen als Ideologie, die das Elend nicht nur als „unaufhebbar, da selbstverschuldet“ verdrängt, sondern zugleich auch noch als „erwünscht“ rechtfertigt.

„The Road to Wigan Pier“ entstand im Jahre 1937 und zählt in der angelsächsischen Welt zu den Klassikern einer polemischen Sozialreportage. Das Buch steht in der Tradition von Erlebnisprotokollen aus der Arbeitswelt, wie sie in Deutschland etwa durch Paul Göhres „Drei Monate Fabrikarbeiter“ (1891) eröffnet wurde. Hier finden sich Daten aus dem ansonsten stummen Alltag von Arbeitslosen und Bergarbeitern, hier sind Einkommensübersichten, Arbeitsplatzbeschreibungen, Stadtbegehungen, Schätzungen der Lebenshaltungskosten versammelt, die sonst nirgendwo notiert wurden.

Orwell beabsichtigte aber mehr als die Enthüllung sozialer Härten. Es hat nicht nur den seinerzeitigen Verleger Victor Gollancz, es hat ganze Generationen von Kritikern gestört, daß der ackuraten Berichterstattung ein umfangreicher Reflexionsteil folgt, der sich intensiv mit den gesellschaftlichen Reaktionsweisen darauf auseinandersetzt.

Thema dieses zweiten Buchteils ist das, was der Verfasser despektierlich den „Klassenschlamassel“ nennt. Denn auf den Schultern jener „rußigen Karyatiden“, wie Orwell die Bergleute nennt, ruht er Komfort der „feinen Leute . Aus eigener Erfahrung weiß Orwell aber auch, daß die Schichtgrenzen unübersteigbar sind. Eingesperrt in eine Art „Sozialaquarium“, das Blickkontakt, aber keine wirkliche Teilhabe ermöglicht, bleibt auch der gutgesinnte Beobachter ein Fremder im Arbeitermilieu.