Baden-Baden: „Arthur Stoll“

Malerei, gebärdenreich und ungebärdig zugleich – scheinen da nicht alle Anzeichen des neuen Zeitstils versammelt? Die Ausstellung verführt zu falschen Schlüssen. An einer Stelle fällt sie sich selber ins Wort: Objekte aus erstarrtem Seidenpapier, wie Häute über Reisigskelette gespannt. Scheiben, Schnecken, Quaderhüllen, Rundpanzer. Formen aus dem Zwischenreich, wo sich Natur und Geometrie ganz nah sind. Leichte, zerbrechliche Erinnerungen an einen früheren Werkabschnitt. Von hier aus verliert Stolls Malerei die vermeintlich angepaßte Aktualität. Seine Arbeit hat sich nicht durch Annäherung gewandelt, sondern ist mit anderen Mitteln geblieben, was sie immer war: eindeutiger Selbstbezug. Ein Künstler, der bei der Selbstsuche dem entsprechenden Ausdruck dafür nur die extremen Erfahrungen anerkennt, der seine Obsessionen zwischen Gipfelerlebnissen und Abgrundängsten aufgespannt hält, durchschnittliche Zufriedenheit nicht gelten lassen will. Wenn überhaupt von etwas, handeln Stolls Bilder davon. Partien lassen sich als Stenogramme für Euphorien oder Depressionen lesen. Freilich sind Indiskretionen nicht zu erwarten. Arthur Stoll präsentiert kein „journal intim“. Mal verschließt sich die Malerei in einem Bildfeld, verdickt sich in fast autistischer Anstrengung, um an anderer Stelle wieder auszubrechen, in großzügiger Geste Raum zu besetzen. Verklammert werden beide Reaktionen durch jene archaischen Formelemente, die auf den Bildern wiederkehren: vor allem die Schnecke. Sie kann ja in ihrem Doppellauf beides bedeuten: Bewegung zunehmender Abgeschiedenheit oder Bewegung zunehmender Befreiung. Malerei aus energetischer, aber nicht aus erzählerischer Fülle. Da ist einer in seiner Haltung näher bei Wols als bei Kirchner, mag auf seine malerische Kraft nicht einfach vertrauen, sondern stellt sie von Bild zu Bild neu auf die Probe. Ergebnis ist nicht die Dokumentation heftiger Pinselarbeit, sondern eine Verletzlichkeit im Zustand der Anschauung. (Galerie Suzanne Fischer, Altes Dampfbad, bis 4. August)

Hans-Joachim Müller

Köln: „Richard Riemerschmid – Vom Jugendstil zum Werkbund“

Richard Riemerschmid – ein deutscher Jugendstilmeister, weit entfernt von der schwingenden, floralen Eleganz des belgischen und französischen Art Nouveau und doch einer der Führenden aus der Reformbewegung um die Jahrhundertwende, die zu Kündern wurden einer neuen ästhetischen (und ethischen) Erziehung des Menschen. Nach der Heimatstadt München, nach Nürnberg richtet nun Köln eine noble (und im graphischen Bereich stark erweiterte) Rückschau dem Mann ein, der hier, später von Adenauer berufen, tätig wurde. Seit der PRESSA-Veranstaltung von 1928 stand Riemerschmid (1868-1957) – dessen Name Begriffe assoziiert wie Dresdner und Deutsche Werkstätten, Werkkunstschulbewegung, Weltausstellung, Werkbundgründung (1907), Fertigbauprogramm – auf der Höhe des Schaffens, das der Trias Kunst, Industrie, Pädagogik galt. Ergänzt durch Photowände mit Beispielen großbürgerlicher Wohnkultur, von Musikzimmern, Bibliotheken, Damengemächern, aber auch Bildern von Theaterbauten (Münchner Kammerspiele), Ozeandampfersalons, Luxusrestaurants, fügen sich rund 160 Möbelstücke zu Environments. Gemäldekabinette, Vitrinen mit Druckstoffen, Keramik, Glas und Porzellanservice, Teppiche, Reformkleider und Spielzeuge zeigen Riemerschmids Vielfalt als Designer; Architekturaufrisse, Pläne, Aufnahmen hochgeschossiger Villen und Häuserviertel neben Fabrikanlagen, Entwürfe für Kriegerdenkmäler und historische Plätze geben eine Ahnung von der Vielfalt des Denkens. Von den Nazis verfemt, kehrte der große Mann zu seinen Anfängen zurück, der Freiluftmalerei, die einst glühende Landschaften und religiöse Motive vereinte und ein halbes Jahrhundert später die befremdende Metamorphose zum reinen Kitsch erfuhr: Trotzreaktion oder Tragik eines künstlerischen Niedergangs? (Kunstgewerbemuseum in der Kunsthalle bis 7. August; Katalog 36,– Mark) Ursula Voß

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Stephan von Huene – Klangskulpturen“ (Staatliche Kunsthalle bis 4. 9., Katalog 20 Mark)