Daß die Semois der schönste Fluß Belgiens ist, glauben wir jetzt gerne. Drei Tage lang sind wir mit dem Faltboot unterwegs gewesen auf diesem windungsreichsten Gewässer der Ardennen, das sich vom belgischen Lothringen aus immer entlang der belgischfranzösischen Grenze dahinzieht. Drei Tage lang sind wir, Christian, mein achtjähriger Sohn, und ich, auf dem geruhsam der Maas entgegenziehenden Flüßchen talwärts gepaddelt, an alten Städtchen, hübschen Dörfern und verfallenen Mühlen vorbei, haben Burgen, Klöster und Ruinen gesehen und eine Waldeinsamkeit von ungeahnten Ausmaßen. Und das im Herzen Europas – aber in einem seiner unbekanntesten Winkel.

Die Sonne brennt uns ganz schön kräftig auf den Rücken, als wir an der Straßenbrücke von Florenville unser altes Faltboot aufbauen. Fliegen und Mücken schwirren in Wolken um uns. Wären wir doch schon auf dem Wasser! Das gluckst ganz geruhsam dahin, plätschert um ein paar Felsblöcke, schlängelt sich an Wiesen vorbei und verschwindet hinter dem mächtigen Felsplateau, auf dem Florenville liegt. Ein nettes Städchen, bei den Belgiern als Sommerfrische beliebt.

Ein paar Kinder, die uns zunächst von oben, von der Brücke aus, zugesehen haben, kommen mit ihren Fahrrädern ans Wasser herunter, helfen die letzten Sachen im Boot zu verstauen: Zelt und Schlafsäcke, Luftmatratzen, das Kochzeug, den Picknicksack. Und dann sind viele hilfsbereite Hände da, das schwere Boot ins Wasser zu heben.

Wir lassen uns treiben, unter der verschnörkelten Eisenbahnbrücke hindurch, die in weiten Bögen das Tal überspannt, rücken die Luftmatratzen als Sitzpolster zurecht und passen nicht auf. Worauf wir uns prompt in den dichten Beständen des Wasserhahnenfußes verheddern und nicht mehr weiterkommen. Also aussteigen, das Boot wieder flottmachen, dann haben wir offenes, ziehendes Wasser vor uns.

Florenville bleibt zurück, die Straße mit ihrem Autolärm ist längst irgendwo im Hintergrund. Um uns ist nur noch Grün: Wiesen, kleine Acker, Obstgärten. Und immer mehr Wald. Unendlich weit dehnen sich diese prachtvollen Laubmischwälder der Hochardennen.

Gemächlich fließt die Semois, das Wasser ist so klar, so sauber, daß wir die vielen Steine auf dem Grund sehen können. Bei Niedrigwasser ist die Semois schwierig zu befahren. Doch es hat lange genug geregnet in den Ardennen. Kleine Dörfer tauchen in der grünen Einsamkeit auf. Ein paar Häuser, um eine kleine, jahrhundertealte Kirche geschart, dann ragen die Ruinen der alten Brücke von Chassepierre aus dem Wasser auf. Senkrecht säumen die Felsen von Hebeumont das Ufer. Oben liegt die Ruine der Burg, von der aus wir über die vielen Schleifen der Semois geschaut hätten. Damals wurde der Wunsch geboren, diesen Fluß einmal abwärts zu paddeln.

Abends sind wir in Bouillon, einem kleinen, entzückend zwischen steilen Waldbergen, der mächtigen Burg und dem Fluß gelegenen Städtchen, dem touristischen Mittelpunkt der südlichen Ardennen in Belgien. Wir löffeln Eis auf der Terrasse des „Hotel de la Poste“, in dem Napoleon III., im nahen Sedan gefangengenommen, die Nacht vom 3. auf den 4. September 1870 verbrachte. Am nächsten Morgen gibt Christian natürlich nicht eher Ruhe, bis wir die Burg Bouillon besichtigt haben, die Burg jenes Herzogs Gottfried von Bouillon, der um die Kosten des ersten Kreuzzuges im Jahre 1095 zu decken, die Burg an den Fürstbischof von Lüttich verkaufte. Womit eine siebenhundertjährige, unruhige Epoche für die Gegend begann. Denn Bouillon, strategisch wichtig gelegen, wurde zum Zankapfel zwischen Lüttich, Burgund und Spanien, Holland, Österreich und Frankreich. Erst 1815 kam Bouillon von Frankreich an Belgien.