DIE ZEIT: Früher haben Sie Aktivisten der algerischen Befreiungsfront und palästinensische Fedayin verteidigt. Nun sind Sie der Anwalt des SS-Mannes Klaus Barbie. Wie ist das zu erklären?

Jacques Vergès: Mir geht es weder um Barbie persönlich noch um die Rechtfertigung der SS-Verbrechen. Ich will die ganze Wahrheit, denn dieser Prozeß ist für mich nur ein Schwindel. Man will einen Schauprozeß, einen Holocaust-Film Nummer 2 oder einen neuen Eichmann-Prozeß, ohne die gesamte politische Tragweite der Aktivitäten Barbies in Rechnung zu stellen, weil dies die Politiker in Frankreich sehr genieren muß. Also läßt man alles weg, was peinlich ist, wie zum Beispiel die Umstände der Verhaftung und Ermordung Jean Moulins, der bekanntlich durch andere Widerstandskämpfer verraten worden ist.

ZEIT: Mindert dies etwa Barbies Schuld?

Vergès: Barbie wird diskriminiert. Man wirft ihm vor, die Deportation von Lyoner Juden nach Drancy angeordnet zu haben. Dabei hat er mit „i. A. Barbie“ unterzeichnet. Genau das hat aber auch Maurice Papon getan, auch er hat als Unterpräfekt „i. A.“ gehandelt und unterschrieben – und er ist in Freiheit. Noch viel schwerwiegender sind die Vorwürfe gegen René Leguay, der die Razzia von 1942 ganz selbständig angeordnet hat – auch er ist frei. Und der Chef der Lyoner Miliz, verantwortlich für das Massaker an Lyoner Juden – er lebt heute unbehelligt und verbirgt sich in einem Kloster in Savoyen, ohne daß jemand etwas gegen ihn unternimmt.

ZEIT: Sind dies denn Gründe, Barbie nun nicht anzuklagen?

Vergès: Barbie wird nach einem Gesetz über „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeklagt, das in Frankreich 1964 verabschiedet wurde. Wohlgemerkt: 1964. Hätte es dieses Gesetz schon zwischen 1954 und 1962 gegeben – wir hätten damals Hunderte von Anklagen wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ erheben können, aber es war natürlich kein Zufall, daß es dieses Gesetz damals noch nicht gab. Barbie wird jetzt rückwirkend auf Grund eines Gesetzes angeklagt, das analog auch auf französische Verbrechen in Indochina und Algerien anzuwenden wäre, aber eben nicht angewendet wird. Der Betrug liegt darin, daß man uns weismachen will, der ewige Verbrecher gegen die Menschlichkeit sei immer der „boche“, der Deutsche. Das ist die Auflösung des Rätsels „Vergès und Barbie“.

ZEIT: Über dieses politische Ziel hinaus haben Sie aber auch juristische Schritte unternommen; Sie fordern die Freilassung Barbies.