Kanadas einzige Wildhüterin lebt den alten Männertraum

Von Claus Bienfait

Solange sie zurückdenken kann, hat sie sich immer bemüht, es den Männern gleichzutun, besser noch, sie zu übertreffen. Heute, als mehrfache Großmutter, kann Glynis Cox besser, schießen als die meisten ihrer Kollegen, kann sie besser reiten und besser Spuren lesen und besser verhandeln sowieso, da kommt ihr ein flinkes Mundwerk zustatten.

Glynis Cox ist Kanadas einziger weiblicher Guide, so eine Art Wildhüter, der gegenüber den Behörden die Verantwortung trägt für ausgewogenen Tierbestand in seinem Distrikt, meist einem Gebiet von der Größe deutscher Regierungsbezirke. Und ein lizenzierter Guide muß auch dabei sein, wenn ausländische Jäger auf die Pirsch gehen. Der Wunsch, wenigstens einmal im Leben einen kapitalen Elch zu erlegen oder einen Bären, hat dem kanadischen Jagd-Tourismus in den vergangenen Jahren starken Auftrieb gegeben.

Vor den Erfolg ist, zumal in den schwer zugänglichen Regionen entlang der Rocky Mountains, die Mühsal gesetzt. Tagelang dauert der Marsch zu Pferde, immerhin etliche Stunden der Flug im Helicopter, ehe die eigentlichen Jagdreviere erreicht sind: die Hochplateaus, auf denen sich die Rentiere, eben jene, die dem Cariboo County seinen Namen gaben, zu Herden versammeln; inmitten ausgedehnter Wälder die einsamen Weiher, die Elchen und Bären als Tränke dienen; die steilen Hänge oberhalb der Baumgrenze, an denen die seltene und darum so begehrte Schneeziege klettert.

Aufgewachsen ist Glynis Cox, die alle nur „the famous Betty“ nennen, auf Vancouver Island an der Pazifik-Küste. Ein alter Indianer weckte in der Farmer-Tochter die Jagdleidenschaft, lehrte sie Fährten zu unterscheiden und die Rufe der Tiere. Mit neun Jahren schoß das Mädchen seinen ersten Hirsch. „Das war ein ganz ungeheures Erlebnis.“ Um Mißverständnissen vorzubeugen aber fügt sie schnell hinzu: „Wir haben nur gejagt, wenn wir Hunger hatten. Ein Tier zu töten, ohne es aufzuessen, das gab es bei uns nicht.“ Deutlich hört man die Verachtung heraus, die diese Frau für das Jagd-Motiv ihrer zahlungskräftigen Kunden empfindet.

Als Frau eines Angestellten brachte Glynis alias Betty fünf Kinder zur Welt. Dann mochte sie das geregelte Leben zwischen Küche und Garten nicht mehr ertragen, brach aus in die „Outdoors“, wo keine Konventionen zählen, nur „Mensch pur“. Mit Gelegenheits-Jobs als Kellnerin, als Kosmetik-Verkäuferin, als Tankstellenwärterin brachte sie ihre Söhne und Töchter durch, ehe sie ein Guide als Assistentin anheuerte. Nach der Gehilfen-Zeit meldete sie sich zur staatlichen Eignungsprüfung an – und bestand mit Auszeichnung.