Von Ulrich Stock

Nafiz ist tot. Der vierzehnjährige Türke nahm sich das Leben, nachdem er dreieinhalb Wochen in Einzelhaft zugebracht hatte. In einem deutschen Gefängnis, in Niedersachsen, in Vechta.

Sein Tod: nur eine betrübliche Ausnahme? Ein Kind im Knast: ein Einzelfall?

„Der Gefangene wurde beim Aufschluß um 6.05 Uhr in seiner Zelle tot aufgefunden“, lautete die kurze amtliche Meldung. „Er hatte sich mit seinem Leibriemen am Bett erhängt. Wiederbelebungsversuche waren zwecklos. Ein Abschiedsbrief wurde nicht gefunden. Keine Hinweise auf Suizidgefahr, keine Sprach- und Kontaktschwierigkeiten.“

Nafiz starb am 11. Mai 1983. Am 22. Februar war er vierzehn Jahre alt geworden. Die Nachricht vom Tod des Jungen schreckte den Rechtsausschuß des niedersächsischen Landtags aus den Alltagsgeschäften. Die SPD-Abgeordneten Peter Dehn und Hans-Alexander Drechsler stellten Fragen.

Was hat ein Kind im Gefängnis verloren? Warum saß Nafiz in Einzelhaft? – Die Abgeordneten sprachen von einem Skandal.

Diesen Vorwurf fand CDU-Justizminister Walter Remmers „unverständlich“. In einer Presseerklärung bedauerte er die Selbsttötung „zutiefst“. Auch alle Bediensteten der Justizvollzugsanstalt Vechta seien „von dem traurigen Ereignis überrascht und betroffen“. Der Justizminister sicherte „selbstverständlich lückenlose Aufklärung“ zu.