/ Von Ulrich Stock

"Ersparen Sie uns bitte eine Publikation, die wieder ein paar alte Damen veranlassen könnte, sich gegen eine sinnvolle und harmlose Untersuchung zu wehren" Dr. Jürgen Schröder, Rendsburg, in einem Brief an die ZEIT

Hans Castorp behielt ein "Schattenpfand" von der Geliebten, ein "Innenporträt, das ohne Antlitz war, aber das zarte Gebein ihres Oberkörpers, von den weichen Formen des Fleisches licht und geisterhaft umgeben, nebst den Organen der Brusthöhle erkennen ließ".

was Thomas Mann im "Zauberberg" so eindrucksvoll beschrieb, "die Glasplatte, die man gegen das Licht halten mußte, um etwas an ihr zu finden", das ist heute eine Folie und wird schlicht Röntgenbild genannt.

Das Photographieren mit unsichtbarem Licht hat sein fremdartiges Flair verloren – Röntgenuntersuchungen sind gang und gäbe auf der Welt, fester Bestandteil ärztlicher Diagnostik.

Doch der so schnelle und bequeme, außerordentlich aussagekräftige Schuß durch den Patienten hat seine Schattenseiten – nicht nur auf dem Negativ: Die schmerzlose Strahlendosis, und sei sie auch noch so klein, muß nicht harmlos sein.

Eine Gruppe von Experten aus aller Welt, geleitet vom schwedischen Professor Erik Boijsen (Universitätsklinik Lund), hat für die Weltgesundheitsorganisation WHO eine Expertise erarbeitet, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrigläßt. Routine-Röntgenaufnahmen ohne strenge Indikation, heißt es da, seien gefährlich, nutzlos und teuer. Weltweit werde zuviel geröntgt.