Von Rolf Zundel

Auf den ersten Blick nimmt sich die Schlappe von Franz Josef Strauß wie das Ergebnis von Zufälligkeiten aus: beleidigte Niederbayern, die Strauß mit dem Vorwurf der Begriffsstutzigkeit an der empfindlichsten Stelle getroffen hatte; militante Ostpolitiker, denen er plötzlich in der falschen Ecke ihrer Vorstellungswelt erschienen war; ein öffentlich gewordenes Kasperletheater des Kabinetts; grummelnder Mißmut über die Umgebung von Strauß, über das "Herumstoibern" in mehr oder weniger geheiligten bayerischen Traditionen; eine Rede des Vorsitzenden schließlich, dem der Humor zu zähneknirschendem, verkrampftem Spott geriet, verletzend und die eigene Verletztheit offenlegend – ein Franz Josef Strauß nicht auf der Höhe der Situation.

Die Gewichtung dieser Faktoren überfordert jeden Nichtbayern, und selbst Eingeweihte streiten sich darüber, was nun der Hauptgrund dafür war, warum Strauß von 949 abgegebenen Stimmen nur 662 erhielt – das schlechteste Ergebnis in den 22 Jahren als Parteivorsitzender.

Das Debakel hatte innere Konsequenz – eine Folgerichtigkeit, die sich aus der Person von Strauß ergibt und aus der politischen Organisation, die er nach seinem Bilde geformt hat. Wenn jetzt die CSU-Oberen wieder einmal entdecken, daß ein Parteitag mit 1100 Delegierten politisch nicht handlungsfähig, einige meinen sogar: nicht zurechnungsfähig sei, so kritisieren sie eine Institution, die lange Zeit glänzend funktioniert hat: als Ort eines Gemeinschaftserlebnisses, als zwar sprachlose, aber lautstarke Kulisse für Strauß.

Der Erfolg dieses Systems hing von zwei Voraussetzungen ab.

Erstens war der große Vorsitzende ungefährdet, solange er die bayerische Sonderkultur nicht beschädigte, also der Volks- und Staatspartei CSU ihr Recht und ihren Raum ließ. Ein Ministerpräsident. Goppel für Bayern und Franz Josef Strauß für den Rest der Welt (wobei dann auch noch einiger Glanz auf Bayern abfiel) – das ließ sich die CSU gern gefallen.

Zweitens wurde der große Vorsitzende akzeptiert, solange er den Eindruck vermittelte, er sei der unfehlbare Stratege, oder solange er die Partei so in der Furcht des Herrn hielt, daß Zweifel nicht öffentlich geäußert wurden. Er mußte jenen Populismus pflegen, der den Auguren das Eingeweihtenlächeln erlaubte und weniger Kundigen den Glauben ließ: Franz Josef wird’s schon richten.