Von Christian Schmidt-Häuer

„Glauben Sie mir, Gnädigste, mit so einem Wald das ist ein rechtes Kreuz und ein Elend...“

Alexander Ostrowskij, „Der Wald“

Am 25. März 1983 erließ der Oberste Sowjet eine bisher einzigartige Verfügung: Er ernannte den Ersten Stellvertretenden Generalstabschef Sergej Achromejew zum Marschall. Noch nie in der seit 1935 datierenden Geschichte des sowjetischen Generalstabs hat ein Stellvertreter einen so hohen Rang bekleidet. Am 15. Juni traf das Plenum des Zentralkomitees eine Wahl, die es ebenfalls noch nicht gegeben hatte: Es nahm den 60jährigen Achromejew als Vollmitglied auf – eine Position, die bisher nur dem Generalstabschef selber vorbehalten war, nicht aber seinen Stellvertretern. Und am 7. Juli schon tat der ungewöhnliche Aufsteiger etwas, das alle Spitzenfunktionäre seit Jurij Andropows Amtsantritt vermieden hatten: Er lockte amerikanische Kongreßabgeordnete aufs neue mit der von beiden Supermächten zuvor scheinbar verworfenen Waldspaziergangs-Formel.

Mit diesem Wald nahe Saint-Cergue am Genfer See ist es schon ein „rechtes Kreuz“ – der dort von den INF-Unterhändlern Paul Nitze und Julij Kwitzinskij skizzierte Kompromiß für die Begrenzung der Mittelstreckenraketen läßt auch die Sowjets nicht los. Was die beiden Spaziergänger am 16. Juli 1982 ausgetüftelt hatten, war im Januar dieses Jahres an die Öffentlichkeit gedrungen. Die Sowjets sollten sich im europäischen Mittelstreckenbereich mit 225 Sprengköpfen auf 75 SS-20-Raketen begnügen, die Amerikaner mit 300 Sprengköpfen auf 75 Cruise missile-Werfern – bei gleichzeitigem Verzicht auf die geplante Stationierung der Pershing II.

Am 18. Januar hatte Außenminister Gromyko in Bonn, auf den Waldspaziergang angesprochen, nur von saurem Regen wissen wollen: Die Unterhändler seien sogar in die Berge gegangen, „damit keiner sie dort stört – aber es gab keinen Fortschritt ... das liegt an den Instruktionen, es liegt an Washington, an der amerikanischen Administration, es liegt an denen, die am Ruder der USA-Politik stehen“.

Aus Gromykos Wintermärchen machte der sowjetische Parteichef Andropow gegenüber seinem Bonner Besucher Helmut Kohl Anfang dieses Monats zwar keinen neuen Sommernachtstraum. Aber er sperrte sich auch nicht demonstrativ gegen die Erinnerung an die Nitze-Kwitzinskij-Formel. Der sowjetische Verteidigungsminister Ustinow spielte den Kompromiß herunter, ohne ihn voll zu verwerfen. Je weniger von Waldspaziergängen gesprochen und je mehr am Verhandlungstisch protokolliert werde, so meinte er sinngemäß, desto günstiger sei das für eine Übereinkunft.