Nur zögernd wagt sich die Kunstgeschichtsschreibung an ein Thema heran, das nicht nur seit langem offen zutage liegt, sondern das eigentlich, dem Zeitgeist folgend, längst in Mode gekommen sein müßte: der Anteil der Künstlerinnen in der Moderne. In den großen Sammelausstellungen werden sie immerhin berücksichtigt: Sonia Delaunay, Barbara Hepworth, Warwara Stepanowa, Hannah Hoch und Sophie Taeuber-Arp. Nur wenige dieser Künstlerinnen aber haben einen eigenen Platz in der Kunstgeschichte zugewiesen bekommen, die meisten wurden, was dem allgemeinen Umgang der Gesellschaft mit Frauen entspricht, als Gefährtinnen ihrer Männer gesehen und bewertet. Im besten Falle galten sie als „Musen“, wie Gala, die nacheinander mit Eluard, Ernst und Dali liiert oder verheiratet war, oder wie Nina Kandinsky, die sich erst als Witwe einen berühmten Namen gemacht hat.

Am ungerechtesten aber ist die Nachwelt mit jenen Frauen umgegangen, die selber eigenständig und eigenwillige Künstlerinnen gewesen sind, deren Werke aber stets im Schatten der als überragend angesehenen Leistung ihrer Männer gestanden haben. Der Blick auf die Arbeiten dieser Frauen wird auch heute noch beeinträchtigt durch den Vergleich mit den oft sehr viel berühmteren Bildern und Plastiken ihrer Männer. So billigt die Kunstgeschichtsschreibung Sonia Delaunay weitgehend eine eigenständige Leistung im Medium der Tapisserie zu, nicht aber wird sie anerkannt als originelle Malerin. Warwara Stepanowa ist hierzulande überhaupt erst durch eine gemeinsame Ausstellung mit ihrem Lebensgefährten Alexander Rodtschenko in Duisburg bekannt geworden, und Sophie Taeuber-Arp ist immer noch allenfalls einem kleinen Kreis von Spezialisten der konstruktiven oder konkreten Kunst bekannt.

Dabei wird eine unbefangene Bewertung der Leistung von Sorna Delaunay wahrscheinlich zu dem Ergebnis kommen, daß zumindest die nichtgegenständlichen Bilder Robert Delaunays, seine Farbsystematik insgesamt, ohne Sonia gar nicht denkbar sind. Die Stepanowa war eine so eigenständige Malerin, daß sie ein wirklich kontrollierendes Gegengewicht zu dem Multitalent Rodtschenko bilden konnte.

Dies sind nur einige wenige Beispiele, die auf die Notwendigkeit hinweisen sollen, sich mit diesem ungeschriebenen Kapitel der Kunstgeschichte dieses Jahrhunderts zu befassen. Das „Museum Quadrat“ in Bottrop hat mit einer ersten Retrospektive des Werkes von Sophie Taeuber-Arp einen mutigen Schritt in diese Richtung getan. Es wäre nun völlig verfehlt, sogleich wieder in die gängige Methode zu verfallen und die Arbeiten im Vergleich mit Jean Arp und seinem Werk zu interpretieren und zu werten.

Der chronologische Aufbau der Ausstellung zeigt überzeugend, daß wir es hier mit einer ganz und gar eigenständigen, in sich sehr konsequenten Entwicklung zu tun haben, die eng verzahnt war mit den Zeittendenzen in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Die Arps – sie war Schweizerin, er deutscher Elsässer – bewegten sich vor allem zwischen den beiden Weltkriegen in den Kreisen der künstlerischen Avantgarde Europas. Mit den Dada-Künstlern des Café Odeon in Zürich ebenso befreundet wie mit den Surrealisten um André Breton galt die künstlerische Neigung vor allem von Sophie den Konstruktivisten. Sowohl die russischen Emigranten Lissitsky und die Gebrüder Pevsner wie auch die Franzosen um Herbin, vor allem aber die Schweizer und die Holländer aus der Stijl-Gruppe gehörten zu den engsten Freunden der Arps. Es gibt nicht nur eine Fülle von Zeugnissen dieser Kollegen über Sophie Taeuber-Arp, vor allem ihre frühen Beteiligungen an wichtigen Ausstellungen belegen ihren eigenständigen Rang. Immer wieder aber liest man, daß sie die einzige Künstlerin gewesen ist, die an Gruppenausstellungen beteiligt war. Als die Gruppen „cercle et carré“ und dann darauf „abstraction, création“, in den Jahren 1930/31 gegründet werden, ist Sophie zwar eine der treibenden Kräfte, aufgenommen wird sie aber erst später, und noch später gelangt sie schließlich in den Vorstand.

Ihr intensiver Austausch, vor allem mit Van Doesburg, Vantongerloo und anderen Mitgliedern dieser Gruppen prägt natürlich die Entwicklung ihres eigenen Werkes. Was an ihm indessen schon sehr frühzeitig besticht, ist der souveräne Umgang mit der Farbe und eine sehr präzise Rhythmik, der die oft geometrischen, aber nicht starren Formen unterworfen werden. Die Bilder wirken nie konstruiert, sondern die geometrischen Formen werden zu einem lyrischen Klang gebracht. Nur einmal, in den Maquetten für das berühmte „Café aubette“ in Straßburg, nähert sich Sophie Taeuber-Arp dem geometrischen Konstruktivismus der Stijl-Bewegung, sie zeigt dabei aber auch, daß trotz der vorherrschenden Harmonie ihr Formvokabular äußerst präzise ausgebildet ist. Diesen Eindruck des Ausgleichs, des Gleichgewichtes in einer Komposition erreicht die Malerin sehr oft mit Hilfe der Farbe, die sie meistens kontrapunktisch einsetzt. In seinem letzten Text beschäftigt sich Wassily Kandinsky unter dem Eindruck des Todes von Sophie Taeuber-Arp besonders mit ihren Reliefs, die in der Rezeption den größten Mißverständnissen unterliegen, weil sie den charakteristischen künstlerischen Formen ihres Mannes, Jean Arp, so nahe zu stehen scheinen, „das geheimnisvolle, die erregende macht der farbe, die bald die stimme der einfachen form belegt, bald einen akzent mäßigt; die das strenge der einen form betont, während sie einer anderen milde mitteilt; die dieses hervorspringen unterstreicht und jenes unaussprechlich verringert und so bis ins unendliche, ein Widerhall von stimmen, eine fuge.“

Tatsächlich erinnern viele der Arbeiten von Sophie Taeuber-Arp an musikalische Kompositionen. Das aus gutem Grund: In ihrer Jugend war sie mit der berühmten Tänzerin Mary Wigmann eng befreundet und hat auf DADA-Festen in Zürich selber, in Kostümen ihres Mannes, getanzt. Rhythmus ist daher auch eine der zentralen Kategorien für die Erschließung ihres malerischen Werkes, das in Bottrop nahezu komplett – soweit es heute ausgeliehen werden kann – versammelt ist. Die Beschäftigung mit diesen Bildern und Objekten wird zum erregenden Erlebnis einer stillen und trotz vieler zeitgenössischen Verwobenheiten vollkommen eigenständigen Entwicklung. Die Malerin Sophie Taeuber-Arp hat den Vergleich mit ihren Zeitgenossen, die weitgehend auch ihre Freunde und Weggenossen gewesen sind, nicht zu fürchten. (Museum Quadrat, bis zum 14. August, Katalog zehn Mark)

Hans-Peter Riese