ARD, Samstag, 16. Juli: „Die Kinder von Himmlerstadt“, Bericht von Elke Jonigkeit und Hartmut Kaminski

Ein Film über das Martyrium polnischer Kinder während der nationalsozialistischen Herrschaft. Ein Film, der das Elendslos von Säuglingen, Kleinkindern, Heranwachsenden zeigte, die verfolgt und ermordet wurden, weil sie einen Makel hatten: Sie waren Polen und keine Deutsche, waren in Zamosc, einem Städtchen südöstlich von Lüblin, geboren und gehörten damit nicht zum Kreis jener vermeintlich Höhergeborenen, die im Winter 1942/43 darangingen, die alte Handels- und Residenzstadt, mit ihrem anmutigen Marktplatz aus dem 16. Jahrhundert, unter der Firmierung „Himmlerstadt“ vom Reich aus zu besiedeln.

Auf alten Photos hielten die Herren aus Deutschland hof, Himmler posierte vor Barockfassaden und nahm Treppen in Besitz – harter Schnitt, und dann die Gegenbilder: ausgemergelte Kinder, Stacneldrähte, ein Chor von Männern und Frauen, die überlebt hatten und die Namen ihres Passionswegs nannten, Zamosc und Majdanek allen anderen voran.

Zeugen beschrieben in karger und bewegender Rede, was vor mehr als vierzig Jahren in Südostpolen geschah: Wie die Deutschen Aufstehen! Aufstehen! riefen, wie Puppen und Bücher, Kissen und Bettzeug eingepackt wurden, wie es, während der wochenlangen Fahrten kreuz und quer, in den Zügen zuging („Gibt’s hier irgendwo Leichen in den Abteilen?“ fragten die Wachmannschaften), wie erfrorene Kinder in Kisten geworfen wurden.

Genau erinnerte Details machten die Wahrheit fest – eine Wahrheit, die, wie die in einer polnischen Schulklasse von heute gedrehte Schlußszene zeigte, inzwischen Legende geworden ist. Immerhin: eine Legende, die Eingedenken verlangt und auffordert, aus dem Geschehenen Konsequenzen zu ziehen.

Eine polnische Legende, aber leider, alptraumartig, keine deutsche: Wer weiß bei uns von den Kindern aus Zamosc? Wer ist ihr Fürsprech in einem Augenblick, da Väter und Mütter abermals Grund haben, in Zamosc, sich vor den Deutschen, ihren Raketen und ihrer unmenschlichen Erinnerungslosigkeit zu fürchten. Gottlob, da gibt es immerhin zwei Filmemacher, Elke Jonigkeit und Hartmut Kaminski, die, auf einer Basis einer Kooperation von deutschen und polnischen Behörden, die Ermordung der Kinder von Zamosc ins Gedächtnis zurückriefen – in ruhigen, beinahe monotonen Bildern: Schnee und Geleise, Fußstapfen und vorbeihuschende Wälder. Langsames Fahren und Verwischen, um an den Transport der Kinder zu erinnern, die dazu bestimmt waren, in einem Niemandsland ausgelöscht zu werden. Ausgelöscht wie ein Feuerchen, das schon zu lange gebrannt hat.

Die Wiederholung der Schnee- und Schienen- und Lokomotivenbilder verdeutlichte die Schreckensszenerie dramatischer, als es grelle Bilder vermocht hätten. Action war nicht am Platz, die Worte der Überlebenden sagten genug: „Eines Tages sahen wir draußen auf dem Feld einen alten Eisenbahnwagen stehen, voll mit Kindern, von denen viele noch lebten. Wir liefen zusammen und bildeten eine zwei Kilometer lange Kette: So wurde, zwischen dem Bretterkäfig und dem Krankenhaus, ein Weg aus Armen und Händen gelegt, über den die Kinder hinweggleiten konnten.“